ZDF: Sie sind von Beginn an dabei. Wie hat sich das Format entwickelt?Gert Scobel: Es ist nicht leicht, darauf in wenigen Worten eine klare Antwort zu geben. Sie haben Recht: Die Sendung hat sich entwickelt. Und das ist gut, denn es zeigt, dass ein Wille zur ständigen Verbesserung besteht, der, etwas pathetisch gesagt, damit zu tun hat, unsere Zeit möglichst gut und genau in Gedanken und Bildern zu erfassen. Und unsere Zeit ändert sich schnell. Schwer ist eine genaue Antwort auf Ihre Frage aus einem anderen Grund: "Medienprodukte" (wenn ich die Sendung mal so bezeichnen darf) sind in der Regel viel komplexer in ihrer Entstehung, Herstellung, ihrem Design und ihrem Zustandekommen, als viele Zuschauerinnen und Zuschauer auf den ersten Blick vermuten würden. Wir müssten hier über viele Punkte sprechen. Ich will nur einen herausgreifen: "sonntags" hat als Magazin begonnen und ist inzwischen zu einer monothematischen Sendung geworden. Statt einer Vielfalt sehr unterschiedlicher Themen, die am Anfang stand, bietet die Sendung heute vielfältige Aspekte und Zugänge zu einem einzigen Thema, das jeweils im Focus der Sendung steht. Das hat den "Auftritt" der Sendung entscheidend verändert und bringt sie in die Nähe einer interessanten, vielfältige Aspekte behandelnden Dokumentation. Die Tiefe, in der Themen behandelt werden, nimmt zu. Magazine sind "flächiger", horizontaler; monothematische Sendungen hingegen sind "vertikaler", tiefer.
Fest steht: Hinter den Kulissen hat die Redaktion viel gearbeitet und sehr unterschiedliche "Macharten" ausprobiert. Beispielsweise werden heute viel häufiger so genannte Videojournalisten eingesetzt. Auch das ist eine Veränderung.
Was allerdings geblieben ist, sind die Ziele: Es geht um das (im Fernsehen selten gewordene) Angebot, sich über Werte und Orientierung im Leben zu informieren und die Urteilskraft zu bilden. Denn die Sendung fordert die Zuschauer geradezu Schritt für Schritt auf, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Dies ist, in meinen Augen, tatsächlich Bildung im wahrsten Sinn des Wortes.ZDF: Gibt es Themen, die Ihnen persönlich wichtig waren und sind?Scobel: Ja, eine ganze Reihe von Themen. Beispielsweise liegen mir die Themen am Herzen, die zeigen, dass Menschen, die etwas wollen und den Mut haben, es umzusetzen, tatsächlich etwas erreichen. Meist ist von Ohnmacht die Rede. Bei "sonntags" sehr häufig von Erfolgen, etwas zu bewegen. Dieser "positive Geist" ist nicht gerade häufig im Fernsehen zu finden. Auch fand ich es über lange Jahre hinweg sehr wichtig, sich von der rein institutionell-kirchlichen Position zu lösen und den Blick auf Spiritualität hin zu weiten, beispielsweise indem wir auf den gesundheitsfördernden Effekt von Meditation hingewiesen haben oder auf die lange Tradition der Achtsamkeitsübungen. Inzwischen sind diese Dinge im Mainstream der Bevölkerung angekommen. Heute ist es in gewisser Weise geradezu umgekehrt: In den letzten Monaten hat mich vor allem die Entwicklung der Kirchen interessiert etwa in Bezug auf Fragen wie Missbrauch, den Umgang mit anderen Religionen und vor allem in Bezug auf das in Deutschland kaum wirklich gelöste Verhältnis von Kirche und Staat. Vielleicht ist aber noch wichtiger als das, was ich wichtig gefunden habe, das, was ich – immer wieder neu – durch die Sendungen selber gelernt habe. Und das war viel. Schön daran ist, dass ich das, was ich gelernt habe, bei jeder einzelnen Sendung weitergeben kann – hoffentlich zum Gewinn der Zuschauer.ZDF: Was halten Sie für die kommenden Jahre für wichtig beziehungsweise was wünschen Sie der Sendung?Scobel: Ich wünsche der Sendung zunächst, dass es sie weiter gibt. Selbstverständlich ist das nicht. Zweitens wünsche ich ihr (und uns), dass "sonntags" sich mit diesem weiteren Leben einen frischen Blick auf die Welt bewahrt. Jünger wird man nicht mehr. Aber man kann daran arbeiten, sich den unverstellten, freien Blick und Neugier zu erhalten. Natürlich weiß ich, dass es im richtigen Leben meist in die umgekehrte Richtung läuft. Wenn wir älter werden, scheinen wir Vieles "besser zu wissen", schalten ab und werden desinteressierter und behäbiger. Aber ich glaube fest an die Möglichkeit, auch mit zunehmendem Alter weiser werden zu können. Leider kommt, wie die Forschung gezeigt hat, Weisheit nicht automatisch mit dem Alter. Man muss sie kultivieren und entwickeln. Mein Wunsch wäre daher, dass "sonntags" weiterhin daran arbeitet, auch mit zunehmendem Alter weiser zu werden. Weise Menschen zeichnen sich durch einen wohlwollenden, offenen und vor allem realistischen Blick auf ihre Welt aus. Das bedeutet nicht, dass weise Menschen naiv sind. Im Gegenteil: Gerade weise Menschen können auf eine sympathische, wohltuende Weise kritisch sein.ZDF: Was möchten Sie als Moderator den Zuschauern mitgeben?Scobel: Zu aller erst würde ich mich freuen, wenn wir alle, die wir die Sendung machen, es schaffen, Zuschauern neue Einsichten zu vermitteln. Mein Ziel wäre es, dass der Zuschauer am Ende der Sendung sagen kann: "Ich gehe anders aus der Sendung heraus, als ich in sie hinein gekommen bin." Wenn das gelingt, ist viel erreicht. Der Bildungsauftrag bedeutet für mich nicht, Theater, Lyrik oder auch die Bibel in die Menschen "hineinzustopfen". Bildung bedeutet vor allem, die eigene Fähigkeit, die Welt zu verstehen und sich gute, klare, der Kritik stand haltende Urteile über sie zu bilden. Ein weiterer Punkt ist für mich eine gewisse Lebensfreude zu vermitteln. "sonntags" ist eine Sendung, in der Themen und Einsichten zu Wort kommen, die sonst keine Stimme haben und im Medienrummel untergehen. Das alleine macht noch kein "besseres Leben" aus. Aber wenn sich Einsicht und Urteilskraft mit Mut und Hoffnung verbinden, dann entsteht eine lohnende, das Leben beflügelnde, hilfreiche Mischung. Dafür zu arbeiten lohnt sich. Mich freut es, wenn das immer mal wieder gelingt.


