Sessel vor Tisch mit Obstschale. Quelle: ZDF
Design wiederholt sich - Form und Farbe erinnern an die Vergangenheit.

Schwerpunkt

Lust auf Retro

Warum wir uns nach neuem Alten sehnen

von Peter Schmidt / Kurt Diehl

Ob Farbe, Geschmack oder Gestaltung - alles scheint einem Zeitgeist unterworfen. Design aus vergangenen Jahren, es wiederholt sich, abgewandelt aber leicht erkennbar. Die Kulturgeschichte ist voll mit Retro-Bewegungen. Was macht sie aus, die Sehnsucht nach der "guten alten Zeit"?

 
 
 

Die Mode ist das wohl auffälligste Stilmittel des Alltags, die ständig den Griff in den Farb- und Musterkoffer vergangener Zeiten wagt. Aber nicht nur unsere Bekleidung ist dem Diktat der Mode unterworfen, auch bei Gebrauchsgegenständen des Alltags haben wir oft den Eindruck des "Déja vu": Das Web-Radio im Look eines Radioweckers aus den 70er Jahren, oder Möbel mit verchromten Rohrgestellen in Kombination mit Glas, wie sie charakteristisch waren für das Wohndesign der 80er Jahre: Klare strenge Formen, Schwarz und Weiß als Grundfarben mit kräftigen Farb-Akzenten aufgepeppt.

Buntes Kleid. Quelle: ZDF
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Retrobewegung in der Mode - Farbliche Anklänge an die 70er Jahre

So erinnern Farben und Formen an früher, die gute alte Zeit scheint auf einmal wieder "in" zu sein: "Wir bezeichnen heute ganz verschiedene Dinge mit Retro, zum Beispiel gibt es in der Mode eine Retrobewegung, es werden Dinge wieder auferlegt, von den Firmen, die vielleicht vor 30, 40, 50, 60 Jahren einmal modisch waren," erklärt Peter Cachola Schmal, Direktor des Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt.

Mehr als nur ein Blick zurück

Portal der Goethe-Uni in Frankfurt. Quelle: ZDF
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Portal der Frankfurter Goethe-Uni

Und er verweist auf ein anderes Beispiel: Das heutige Portal der Frankfurter Goethe Universität aus dem Jahre 1928 und seine moderne Kopie aus der Neuzeit. Der Vergleich zeigt, dass auch Architektur auf Bekanntes setzt und so unbewusst Vertrauen schafft: "Retro bezeichnet immer den rückwärts gewandten Blick, das heißt, wir reden heute von Retrostyle, Retrodesign und meinen damit Richtungen, die wieder auftauchen, ganz egal in welcher Sparte."

Portal eines Hotels in Frankfurt. Quelle: ZDF
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Portal des Colosseos in Frankfurt/M.

Zum Beispiel im Autodesign. So ist die Neuauflage des britischen "Mini" nach einem Jahrzehnt selbst schon wieder zum Klassiker geworden. Andere Autohersteller folgen dem Trend und bauen Fahrzeuge, die vom Design her an Oldies erinnern, aber über moderne Technik verfügen. So hat der neue Fiat 500 schon beim Verkaufsstart für Furore gesorgt und fast jeder findet den kleinen Retro-Flitzer sympathisch, auch ohne das klassische Vorbild zu kennen:

qp_Peter Cachola Schmal. Quelle: ZDF
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Peter Cachola Schmal

"Man möchte das Beste aus zwei Zeiten haben, man möchte die technischen Errungenschaften und die Fortschritte nicht vermissen - einerseits, und andererseits möchte man eine formale Erinnerung an frühere Zeiten haben, warum auch immer. Also ich vermute mal, so ein Auto wie der Fiat 500 zum Beispiel von jungen Leuten gekauft wird, die sich gar nicht erinnern können an den früheren Fiat 500," erläutert Peter Cachola Schmal das Phänomen.

Fiat500.
Retro-Flitzer Fiat 500

Die Sehnsucht nach der "guten alten Zeit"

Michael Kloth. Quelle: ZDF
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Michael Kloth

Altes wieder neu beleben und Erinnerungen an vergangene Zeiten pflegen, scheint ein menschliches Grundbedürfnis zu sein. So will Spiegel Online mit "Eines Tages" Zeitgeschehen dokumentieren und dem kollektiven Bewusstsein einen Raum geben: "Geschichte war lange Zeit eine akademische Veranstaltung, es lief sehr getrennt von der öffentlichen Debatte, mal abgesehen von großem Geschichtspolitischem und jetzt ist Geschichte so diffundiert in den Alltag der Leute. Aber es ist auch Geschichte, wenn sich jemand hinstellt und seine Geschichte erzählt als Zeitzeuge, auch wenn es keine große Weltgeschichte ist, es ist trotzdem heute anerkannt und legitim, dass er das tut," meint Michael Kloth von der Chefredaktion "Eines Tages".

Cover "Eines Tages". Quelle: ZDF
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Spiegel Online - Eines Tages: Jeder kann Zeitzeuge werden und Geschichte schreiben.

Jeder ist also aufgefordert, Geschichte zu schreiben und Michael Kloth sieht vor allem auch die Chancen, die das Internet jedem bietet, Geschichten zu erzählen und mit anderen zu teilen: "Es ist sehr viel Generationenübergreifendes - mein Ideal ist immer, der 16-Jährige, der sich mit dem Internet auskennt und dem Computer und sich mit seiner Großmutter hinsetzt und sie erzählt die Lebensgeschichte und hat vielleicht auch Fotos und der Enkel scannt sie ein und die Geschichte wird dann erzählt und veröffentlicht, und andere können daran teil haben. Das ist toll."