Schreibende Hand. Quelle: ZDF
Tagebuchschreiben erschließt Zusammenhänge, die einem in der erlebten Situation nicht klar waren.

Schwerpunkt

Täglich ein paar Zeilen

Tagebuchschreiben tut der Seele gut

von Marion Mück-Raab

Täglich aufzuschreiben, was man erlebt hat, ist eine Art innerer Dialog und eine Möglichkeit, sich etwas von der Seele zu schreiben. Das Emmendinger Tagebucharchiv hat rund 6000 Dokumente aus 200 Jahren gesammelt. Diese Dokumente sind für die Wissenschaft auch wichtige Quellen deutscher Zeitgeschichte.

 
 
 
Günter Köhler. Quelle: ZDF
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Günter Köhler führt seit seinem zwölften Lebensjahr Tagebuch.

Günter Köhler war zwölf Jahre alt, als er für die Schule eine kleine Geschichte niederschreiben sollte.Thema: Ein Alltagserlebnis. Diese Hausaufgabe war der Beginn einer Leidenschaft, die Günter Köhler sein Leben lang beibehielt: Bis heute führt er Tagebuch.

Als Schüler schrieb er noch sporadisch in seine Jugendtagebücher, später hielt er dann täglich fest, was er erlebt hatte. "Ich muss den Tag, den ich erlebt habe, niederschreiben," sagt der mittlerweile 65-jährige Arzt. "So kann ich in die Vergangenheit eintauchen, wann immer ich will." Fünfzig Jahreskalender hat Günter Köhler eng beschrieben - jeden einzelnen Tag kann er rekonstruieren.

Frauke von Troschke. Quelle: ZDF
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Frauke von Troschke - Gründerin des Tagebucharchivs

Jeder hat das Recht, gehört zu werden

"Solche Dokumente dürfen nicht verloren gehen", sagt Frauke von Troschke. Sie ist Gründerin des Deutschen Tagebucharchivs in Emmendingen. Ziel der in Deutschland einzigartigen Einrichtung ist es, Lebenszeugnisse von Privatpersonen zu sammeln, aufzubewahren und sowohl der Wissenschaft als auch der Allgemeinheit zugänglich zu machen.

"Unser Slogan ist 'Jeder hat das Recht, gehört zu werden.' Wir sammeln nichts von Menschen, die im Rampenlicht standen, sondern von jedermann", so Frauke von Troschke. Rund 6000 solcher Dokumente sind dem Deutschen Tagebucharchiv seit seiner Gründung im Januar 1998 zugeschickt worden. Sie stammen aus der Zeit von Mitte des 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart.

Eine Hand beim Schreiben in einer Liste. Quelle: ZDF
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In Tagebüchern spiegelt sich auch Zeitgeschichte.

Tagebuchschreiben als Therapie

Frauke von Troschke will gar nicht darüber nachdenken, wie viele Tagebücher und Briefsammlungen schon in Mülleimern gelandet sind, weil keiner wusste, wohin damit: "Die Zeugnisse gewöhnlicher Menschen sind ganz wichtige Quellen für die Geschichts- und Kulturforschung." Damit Wissenschaftler gezielt Zugriff nehmen können, werden alle Tagebücher ausgewertet. Schlagworte erleichtern die Suche. Der Großteil der Dokumente beschäftigt sich mit den beiden Weltkriegen, vor allem die Zeit des Zweiten Weltkrieges ist gut dokumentiert. Weitere Schwerpunkte der Aufzeichnungen sind Familiengeschichten, Reisetagebücher und Feldpostbriefe.

Viele Berichte, erzählt Frauke von Troschke, beschäftigten sich mit Krankheiten und Schicksalsschlägen. "Die Menschen schreiben nicht dann, wenn es ihnen sehr gut geht, sie schreiben meist, wenn sie Probleme haben", weiß von Troschke. "Die Menschen schreiben sich ihren Kummer von der Seele." Kein Wunder - schließlich sei Tagebuch schreiben ja auch eine Form der Therapie.

Tagebuch. Quelle: ZDF
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Das Tagebuch - ein Freund, dem man alles anvertraut

Mehr als die Chronik der Ereignisse

Das weiß auch Elisabeth Mardorf. Seit 40 Jahren führt sie Tagebuch. Und als Psychotherapeutin und Coach setzt sie das Tagebuchschreiben auch gezielt in der Begleitung von Menschen ein. "Tagebuchschreiben hat viele positive Wirkungen", erklärt Mardorf. Dadurch dass Menschen ihre Gedanken und Erlebnisse niederschreiben, sortieren sie sie und können sie besser verarbeiten.

Dabei kann das Tagebuch die Funktion eines guten Freundes übernehmen - ein Freund, dem man alles anvertrauen kann. Wichtig dabei ist die Intimität des Geschriebenen. Viele Schreiber verstecken ihr Tagebuch, bekannt sind auch die typischen Jugendtagebücher mit Schloss. Die Sicherheit, dass niemand anders liest, was man dem Tagebuch anvertraut, enthemmt und lässt der Phantasie freien Lauf. Gerade in Krisenzeiten kann genau das eine Hilfe, eine Art Ventilfunktion, sein.

Infobox

Gast im Studio
Gert Scobel spricht mit Dr. Elisabeth Mardorf, Psychologin und Autorin

Tagebuch mit Foto. Quelle: ZDF
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Tagebücher intensivieren die Erinnerung.

Intensiver leben

"Wer Tagebuch schreibt, lebt in mehrfacher Hinsicht intensiver", sagt Elisabeth Mardorf. Schon durch das Aufschreiben erfährt das Erlebte größere Würdigung. Durch das Nachlesen und Wiederlesen wird die Erinnerung intensiver. Es ist wie ein Film, der vor einem abläuft, in dem man sich plötzlich selbst erkennt. Wie Erich Kästner sagt: All das wohnt in uns, und das Tagebuch hilft uns, wieder damit in Kontakt zu kommen. Wer zum Beispiel über sein eigenes Gefühlschaos in der Pubertät nachliest, kann sich auch leichter in sein heranwachsendes Kind hineinversetzen, das vielleicht gerade den ersten Liebeskummer durchmacht. Das kann verständnisvoller machen.

Die Erfahrung, dass das Tagebuch einem über so manche Lebenskrise hinweghelfen kann, hat auch Günter Köhler gemacht. Auch deshalb empfiehlt er, Tagebuch zu führen. Er hat sich auch entschieden, seine Aufzeichnungen ins Tagebucharchiv nach Emmendingen zu bringen, denn er will nicht, dass irgendwann die Aufzeichungen seines Lebens in die Mülltonne wandern. "Das wäre doch schade."