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10. Februar 2012
 

sonntags

 
sonntags, 9.02 Uhr
Karl bei der Recherche.
Öffentlichkeit herstellen: Karl dokumentiert Mängel auf einer Behindertentoilette.

Menschen & Projekte

Protest im Rollstuhl

Rolli-Hood kämpft für Menschen mit Handicap

Selbstständig am öffentlichen Leben teilhaben, das ist für viele Körperbehinderte nach wie vor kaum möglich. Es fehlt an behindertengerechten Einrichtungen. Zwei Betroffene haben eine Initiative gegründet, um Missstände wirksam aufzudecken.

 
 
 
 

Wenn Karl in einem Kaufhaus unterwegs ist, dann nicht, um die neuesten Schnäppchen zu begutachten. Seine Aufmerksamkeit gilt der Toilette, denn er will überprüfen, ob sie auch wirklich behindertengerecht ist. Mit dem Fotoapparat dokumentiert er die Mängel. Recherchieren, Dokumente sammeln, Öffentlichkeit herstellen - das gehört zur Arbeitsmethode von Rolli-Hood, einer Vereinigung von Menschen mit Handicap.

Bea.
Bea

Gegenseitige Hilfe

Zusammen mit der schwerstbehinderten Bea hat Karl die Initiative Rolli-Hood gegründet. Beide leben in Hesel in Ostfriesland. Der 48-jährige Karl ist Beas Assistent. Er pflegt und versorgt die 44-Jährige, die an einer Muskelatrophie leidet, rund um die Uhr. Seit 1989 macht der selbst einseitig spastisch behinderte Karl das schon.

 

1995 wollte die Pflegeversicherung Bea wie vielen anderen Schwerbehinderten in Deutschland die Unterstützung durch einen Pfleger streichen. Stattdessen sollten die Betroffenen in einem Heim untergebracht werden, das sei im Ergebnis kostengünstiger. Für Bea hätte das bedeutet, der Möglichkeit beraubt zu sein, ein selbstständiges Leben zu führen. Um das zu verhindern, entschlossen sich Bea und Karl zum Protest und gründeten die Initiative Rolli-Hood.

Die Initiative rolli-Hood.
Geben nicht auf: Mitglieder von Rolli-Hood

Besetzte Raststätten

Seither kämpfen sie unermüdlich für die Grundrechte von behinderten Menschen. Ihr Ziel: die barrierefreie Teilhabe am öffentlichen Leben. Dafür schlossen sie sich mit anderen Behinderten zusammen und organisieren Proteste und Demonstrationen, mal spontan, mal geplant. Sie besetzen öffentliche Gebäude wie Banken oder Autobahnraststätten, um auf die Mängel in Einrichtungen oder auf die ausgebliebenen Verbesserungen aufmerksam zu machen. "Wir sehen uns ein bisschen als Greenpeace für Behinderte", sagt Bea.

 

Rolli-Hood versteht sich dabei als Anwalt von 1,5 Millionen Rollstuhlfahrern in Deutschland. Selbstbewusst vertreten sie die Rechte und Ansprüche dieser Menschen gegenüber dem Gesetzgeber und unterstützen andere Betroffene. All das machen sie ganz eigenverantwortlich, ohne eine offizielle Institution oder Organisation im Hintergrund.

Liege auf Behindertentoilette.
Dringend nötig: Liegen auf Behindertentoiletten

Es fehlen Liegen für das WC

Vor einem Jahr stießen sie auf ein Problem, das im Moment ihr Hauptthema ist: die Behindertentoilette. Zwar gibt es mittlerweile immer öfter die mit dem Rollstuhl befahrbaren Toiletten-Kabinen mit Haltegriff, doch viele Schwerbehinderte können solche WCs gar nicht benutzen. Was fehlt, ist eine Liegemöglichkeit.

 

Nur mit Hilfe einer solchen Liege können schwerbehinderte Menschen den Toilettengang weitgehend unabhängig erledigen. "Da ich ja nicht stehen kann, muss ich erst hingelegt werden, zum An- und Ausziehen, und werde dann auf Toilette gehoben", erklärt Bea. Damit sich schwerbehinderte Menschen wie Bea im öffentlichen Raum bewegen können, fordert Rolli-Hood die Anschaffung von Liegen auf Behindertentoiletten.

Protestaktion Klagemauer in Leer.
Passanten vor der so genannten Klagemauer in Leer

Der Einsatz lohnt sich

Seit dem Sommer bringt Rolli-Hood mit Aktionen dieses lange tabuisierte Anliegen in die Öffentlichkeit. "Viele trauen sich nicht, sich dafür einzusetzen, weil dieses Thema mit Scham besetzt ist", sagt Claudia, die sich auch bei der Initiative engagiert. An diesem Wochenende wollen sie in der Innenstadt von Leer in einem Sanitätshaus mit einer Klagemauer ihren Forderungen Nachdruck verleihen.

 

Auf Kartons aufgeklebte Briefe mit persönlichen Erfahrungen von anderen Behinderten und Unterstützerschreiben hängen sie gut sichtbar im Schaufenster auf. So wollen sie die Aufmerksamkeit auf dieses sensible Thema lenken.

 

Ihr Einsatz lohnt sich. Bereits sieben Liegen finden sich im Umkreis von Leer, wie etwa in einem Café der Kreisstadt. Kleine Erfolge für Rolli-Hood, die Bea und Karl Mut geben, ihre Aktion weiterzuführen.

 
 
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