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10. Februar 2012
 

sonntags

 
sonntags, 9.02 Uhr
Rettungskraefte in Koeln nach dem Einsturz des Historischen Stadtarchivs. Quelle: dpa
Hilfskräfte im Trümmerhaufen des eingestürzten Kölner Stadtarchivs

Aktuell

Verschüttete Kulturschätze

Wie Helfer die Dokumente nach der Kölner Archiv-Katastrophe zu retten versuchen

Mitten im Herzen von Köln klafft nun ein riesiges Loch: Vom Historischen Stadtarchiv ist nichts mehr übrig außer Tonnen von Schutt. Für die Helfer vor Ort heißt das: sortieren und retten, was vom kulturellen Gedächtnis Kölns zu retten ist. Eine Sysyphus-Arbeit.

 
 
 
 

Nach neun Tagen ist der zweite Verschüttete unter den Trümmern des Kölner Stadtarchivs gefunden worden. Neben der Trauer um die Opfer tritt nun die kulturelle Dimension des Ereignisses zunehmend in den Vordergrund.

Köln war im Mittelalter die größte und wirtschaftlich stärkste Metropole nördlich der Alpen gewesen. Das Historische Archiv der Stadt bewahrte die Dokumente und Urkunden auf, die davon ein einmaliges Zeugnis gaben. Kulturelle Schätze, die nun durchnässt, zerquetscht oder zerrissen unter einem Berg von Schutt liegen. Wie lässt sich dieser bedeutende Teil des europäischen Kulturgedächtnisses retten?

Trümmer in Köln. Quelle: ap
ap
Eingestürztes Stadtarchiv

"Super-Gau im Archivwesen"

Die Hilfsbereitschaft anderer deutscher Archive, aber auch der Kölner Bevölkerung ist groß: Mehr als Tausend Freiwillige haben sich nach knapp einer Woche als Helfer bei der Bürgerinitiative "Wir retten unser Stadtarchiv" angeboten! Mit der Rettung bedeutender Dokumente wurde zwar bereits am Morgen nach der Zerstörung des zusammengestürzten Stadtarchivs begonnen. Doch eines war schnell klar: Die Katastrophe wird die Experten über Jahrzehnte beschäftigen.

"Für das deutsche Archivwesen ist das ein Super-Gau", sagte der Leiter des Archivamtes für Westfalen in Münster, Marcus Stumpf. Sein Haus hatte schon unter anderem bei der Rettung verbrannter Bücher aus der Weimarer Anna Amalia Bibliothek mitgeholfen. Die komplizierte und langwierige Restaurierung solcher Mengen Archivalien aus Papier oder mittelalterlichem Pergament sei überaus kostspielig, so Stumpf: "20 Millionen Euro sind da schnell überschritten."

 
Archivar zwischen Bauschutt Archivar zwischen Bauschutt. Quelle: ap
ap
"Unermesslicher Schaden": Archivar zwischen Bauschutt

Keine Versicherung oder Notfallpläne

Die Helfer, die die Stadt Köln kurzfristig organisiert hat, stehen immer wieder vor der Frage: Ist ihr Fund ein persönlicher Gegenstand der Hausbewohner oder gehört er zu einem wertvollen Buch aus den Beständen des Stadtarchivs? Beides wird getrennt voneinander gesammelt.

Dokumente aus dem Kölner Stadtarchiv. Quelle: dpa
dpa
"Trauriger Zustand": Dokumente aus dem Stadtarchiv

Unterstützt werden die Helfer von Marburger Archivstudenten. Sie haben sich spontan und freiwillig gemeldet, weil sie sich mit historischen Dokumenten gut auskennen - so wie Rene Hanke, der plötzlich die Akten aus der Amtszeit von Konrad Adenauer als Oberbürgermeister in den Händen hielt. "Sie waren in einem traurigen Zustand", sagt er.

Puzzlearbeit im Schutthaufen

Auch zwei Restaurateure des Archivberatungszentrums Brauweiler waren in den ersten Tagen vor Ort, um sich ein Bild der Lage zu verschaffen. Hier werden in den nächsten Wochen und Monaten gerettete Dokumente landen, die dann von Markus Vieten und Bettina Rütten in mühevoller Kleinarbeit restauriert werden. Sind die Papiere trocken, müssen sie zunächst von Staub und Dreck befreit werden.

 

Bettina Rütten erinnert sich an ihre ersten Eindrücke: "Es ist schon sehr schwierig, in dem Schutthaufen einzelne Teile zu finden, die zusammenpassen. Also das ist noch sehr viel Puzzlearbeit, die da noch bevorsteht." Auch Markus Vieten war erschüttert über das, was er vorfand. "Ein Beispiel, was sich mir eingepräge, war eine Akte, die in einem Regalboden quasi eingebacken war durch den Druck. Da musste die Feuerwehr mit Spezialgerät rangehen, um sie wieder herauszubekommen."

 

Zerstörerischer Schimmel

Doch nicht nur die Gewalt der Schuttmassen, Schmutz und Wasser bedrohen die wertvollen Archivalien: Die Feuchtigkeit lässt rasch zerstörerischen Schimmel wuchern, der die Kostbarkeiten als Nährboden nutzt. Deswegen, darin sind sich alle Experten einig, müssten die feuchten Dokumente schnell schockgefroren und dann später fachkundig behandelt werden.

 

Mit der zeitraubenden Restaurierung ist die Kultur-Katastrophe von Köln jedoch längst nicht ausgestanden, erinnert Archiv-Experte Pilger. Selbst wenn die Dokumente gerettet sind, müssen sie neu den Beständen zugeordnet werden, damit das Archiv überhaupt wieder wissenschaftlich genutzt werden kann. Auch das dauert noch einmal viele, viele Jahre.

 
 
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