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09. Februar 2010
 

sonntags

 
sonntags, 9.02 Uhr
Sybille hört Radio. Quelle: ZDF
In ihrer Psychose hörte Sybille Stimmen aus dem Radio, die ihr Anweisungen gaben.

Schwerpunkt

"Plötzlich war ich Eva"

Wie eine Architektin ihre Psychose erlebte

von Petra Otto

Vor fünf Jahren wurde Sybille R. das letzte Mal in eine psychiatrische Klinik eingeliefert. Damals war sie vollkommen "durchgedreht" und musste zu ihrer eigenen Sicherheit sogar fixiert werden. Heute berichtet sie von diesen Erfahrungen ganz distanziert. Sie schämt sich nicht für ihre Krankheit, sondern hat sie in ihr Leben integriert.

 
 
 
Sybille auf einer Pferdekoppel. Quelle: ZDF
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Sybille R. versuchte, Pferde frei zu lassen.

In der akuten Psychose ist man außer sich, berichtet Sibylle R.. Sie erklärt, wie sie selbst die psychotischen Schübe erlebt hat, wie sie in eine andere Welt eintauchte und den Sinn für die Realität verlor. Im idyllischen Lautertal, wo sie lebt, hat sie in dieser Zeit Pferdekoppeln geöffnet, um Menschen und Tiere von ihrem "Leid" zu befreien: "Ich hab versucht, Pferde frei zu lassen und anscheinend hab ich gesagt, da war ein schwarzes und ein weißes Pferd und ich hatte das Gefühl, die müssten zusammen sein und eine Einheit sein. Ich hab das Gefühl gehabt, ich geh ein bisschen zurück, mehr oder weniger zu Adam und Eva."

 

Obwohl sie nicht religiös ist, erlebt sich Sybille R. in der Psychose als Eva: Sie steht am Anfang der Schöpfung und ist erkoren, die Welt zu retten. Ihre Familie steht hinter ihr und jeder weiß, was im Notfall zu tun ist. Seit ihrer Erkrankung ist Sybille weniger leistungsfähig. Sie schafft es nicht mehr, ihren Beruf als Architektin auszuüben. Seit einem Jahr ist sie berentet, mit Ende 40.

Sybille zuhause. Quelle: ZDF
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Zuhause fühlt Sybille sich geborgen.

Zwischen Traum und Realität

"Man kann es sich vielleicht so vorstellen, dass es ist wie die Realität und gleichzeitig einen Traum zusammen spinnen. Das miteinander zu verbinden, das treibt einen dazu, ganz kuriose Sachen zu machen," erinnert sie sich.

Sechs mal ist Sibylle R. in solch verrückte Welten abgeglitten. Doch seit fünf Jahren hat sie keine akute Psychose mehr erlebt. Sie hat drei erwachsene Kinder, lebt mit ihrem Lebensgefährten in einem winzigen Dorf auf der Schwäbischen Alb. Hier fühlt sie sich geborgen.

 

Stimmen aus dem Radio

"Für mich war's ne ganz große Erleichterung. Während ich noch im Arbeitsleben war, war ich nicht mehr so richtig voll einsatzfähig. Ich hab das gemerkt, wie ich gearbeitet hab und wie die anderen gearbeitet haben. Ich hab mich da mehr oder weniger auch unter Druck gesetzt, dass ich das auch leisten kann, was die anderen leisten, aber in manchen Phasen ging das einfach ganz schwer."

 
Sybille im "weichen Zimmer". Quelle: ZDF
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Zur Ruhe kommen im sogenannten "weichen Zimmer" in der Psychiatrischen Klinik Zwiefalten

In ihren schlimmsten Zeiten war sie mehrmals in der Psychiatrischen Klinik Zwiefalten, einem ehemaligen Kloster, abgelegen und einsam auf der schwäbischen Alb. Dort hatte Sibylle R. Monate verbracht, auf verschiedenen Stationen. Dennoch ist es immer wieder passiert, dass sie die Wirklichkeit völlig verzerrt erlebte: "Nachrichten, speziell Nachrichten und auch Texte in Musikstücken hab ich so auf mich bezogen, dass das mich gemeint hat, diese Stimme, der Radiosprecher oder dieser Sänger," erzählt sie.

Sybille beim Klettern. Quelle: ZDF
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Vertrauen gewinnen an der therapeutischen Kletterwand

Hilfe in der Psychiatrie

Erfahrungen, die kaum auszuhalten sind und die professionelle Hilfe verlangen. Viele Wochen lang lebt sie danach in der Soteria, einer Spezialstation in Zwiefalten. Die familiäre Atmosphäre hier gefällt ihr: Psychiatrische Behandlung mit WG-Charakter und Rückzugsmöglichkeiten. In den ersten Tagen sucht sie oft Zuflucht im sogenannten "weichen Zimmer." Absolut reizarm und dadurch beschützend. Dies hilft ihr, mit sich selbst wieder zurecht zu kommen. "Zum Teil war es schon so, dass ich ein Schamgefühl hatte gegenüber Leuten, die das direkt mitgekriegt hatten. Gegenüber den Kindern und der Familie weniger, aber nach außen schon, man macht sich schon Gedanken, was die anderen über einen denken," erzählt sie.

 

Infobox

sonntags-Studiogast zum Thema: Prof. Gerhard Längle, Facharzt für Psychiatrie Zwiefalten

 

Als es ihr besser geht, nützt sie unter anderem die therapeutische Kletterwand, um wieder Vertrauen zu gewinnen zu sich und zu anderen. Und um sich im Alltag wieder neuen Herausforderungen und Zielen zu stellen. Über die Jahre hat sie gelernt, ihre Psychose als Teil ihres Lebens zu akzeptieren und wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren.