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10. Februar 2012
 

sonntags

 
sonntags, 9.02 Uhr
Cover von.
Das kleine Ferkel stellt kritische Fragen zu den drei Weltreligionen.

Aktuell

"Wo bitte geht's zu Gott?"

Bundesministerium will Bilderbuch indizieren

von Marion Mück-Raab

Am kommenden Donnerstag wird sich die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften mit einem Kinderbuch beschäftigen. Es sei "ein religionskritisches Buch" - argumentiert der Alibri-Verlag, der das Buch herausgebracht hat. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, das den Indizierungsantrag gestellt hat, hält das Buch dagegen für "antisemitisch und sozial-ethisch desorientierend".

 
 
 
 

Dem kleinen Ferkel geht es blendend. Quietschvergnügt sitzt es mit seinem Freund, dem Igel, in der Badewanne und könnte die ganze Welt umarmen. Wäre da nicht dieses irritierende Plakat vor der Haustür: "Wer Gott nicht kennt, dem fehlt etwas!"

Michael Schmidt-Salomon.
Autor Michael Schmidt-Salomon

Ein "religionskritisches Bilderbuch"

So beginnt die Geschichte vom kleinen Ferkel und dem Igel, die sich auf den Weg machen, Gott zu suchen und dabei gleich alle Vertreter der drei Weltreligionen kennenlernen: Den Rabbi, den Kardinal, den Imam. Einer verrückter als der andere. Es ist "ein Buch für alle, die sich nichts vormachen lassen" - so der Untertitel der Geschichte. Michael Schmidt-Salomon, Atheist und Autor, will mit diesem Bilderbuch konfessionslosen Eltern ein "religionskritisches Bilderbuch" an die Hand geben.

 

Im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend will man das auf keinen Fall. Mehr noch: Man möchte verhindern, dass Kinder das Buch in die Hände kriegen: Das Buch sei geeignet, "die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen oder ihre Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit zu gefährden," heißt es im Indizierungsantrag. Und weiter: "In diesem Buch werden die drei großen Weltreligionen Christentum, Islam und das Judentum verächtlich gemacht. Die Besonderheiten jeder Religion werden der Lächerlichkeit preisgegeben."

 

Wie weit darf Religionskritik gehen?

Sich über Religionen lustig zu machen, hält Michael Schmidt-Salomon dagegen für sein gutes Recht: "Im weltanschaulich-neutralen Staat muss Religionskritik erlaubt sein." Auch der Alibri-Verlag, der das Buch veröffentlich hat, kontert: Die "negative Religionsfreiheit ist ein wesentliches Menschenrecht."

Buchillustatation: Kreuzigung.
Illustration - Die Kreuzigung Christi

Ein Streit, mit dem Verlag und Autor gerechnet haben. Was sie aber unerwartet trifft, ist die weitere Kritik des Ministeriums. Denn nach dessen Auffassung weist das Buch "antisemitische Tendenzen auf" und sei somit geeignet, "Kinder und Jugendliche sozial-ethisch zu desorientieren."

 

"Antisemitische Tendenzen"

Begründet wird das mit der Darstellung des Rabbiners: "Der Rabbi wird als wütender Mann mit entgleisten Gesichtszügen und den stereotypen Merkmalen eines streng orthodoxen Juden in negativer Weise dargestellt. Die Verfasser scheinen zu suggerieren, dass die jüdische Glaubensgemeinschaft andere Religionsgemeinschaften vernichten will." Michael Schmidt-Salomon hält diesen Vorwurf für ungeheuerlich. "Der Antisemitismusvorwurf ist rufschädigend, nichts weiter als ein fadenscheiniger Vorwand, um ein missliebiges Buch aus den Kinderzimmern zu verbannen."

 

Für Gideon Botsch, Politikwissenschaftler am Moses-Mendelssohn-Zentrum für europäisch-jüdische Studien an der Universität in Potsdam, ist die Sache nicht ganz so einfach. "Auf den ersten Blick", so der Antisemitismus-Experte, "kann die Darstellung des Rabbiners durchaus antisemitisch wirken." Bei näherem Hinsehen aber sei dieser Vorwurf nicht haltbar.

 

"Das Buch ist antireligiös, aber keinesfalls antisemitisch", sagt Botsch. Er sieht zwar die Gefahr, dass mit dem Buch falsche Informationen und Vorurteile gegen das Judentum transportiert werden. Eine Indizierung des Buches lehnt er aber ab, hält sie für völlig überzogen.

 
 
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