Im Nordwesten Spaniens endete bis ins Mittelalter die Welt - bis heute heißt das Kap westlich von Santiago de Compostela "Finis Terrae". Das Jakobusgrab machte die Stadt am "Ende der Welt" zum drittgrößten christlichen Pilgerziel neben Jerusalem und Rom. Wer hierher kam, konnte König werden.
Etwa eine Stunde vor der Stadt liegt der Monte do Gozo. Der 350 Meter hohe Berg verdankt seinen Namen den unzähligen Seufzern, die die Pilger im Laufe der tausendjährigen Geschichte des Jakobsweges beim Anblick der Stadt ausgestoßen haben sollen. Wer in der Gruppe pilgerte und als erster die Türme der Kathedrale von Santiago erblickte, durfte sich Pilgerkönig nennen. Noch heute gehen die Namen König, Rey (span.) oder Roi bzw. Leroi (franz.) auf diese Tradition zurück.

Ein Pilgerführer aus dem 12. Jahrhundert wirbt für Santiago de Compostela und der Autor kommt bei der Beschreibung der damals romanischen Kathedrale geradezu ins Schwärmen: "Wer oben durch die Schiffe der Emporen geht, wird, wenn er traurig hinaufgestiegen ist, froh und glücklich werden, nachdem er die vollkommene Schönheit dieses Gotteshauses geschaut hat", heißt es im Liber Sancti Jacobi, das als "Jakobsbuch" den mittelalterlichen Pilgern den Weg nach Santiago wies.

Die Ankunft in der Kathedrale von Santiago sollte einen Vorgeschmack auf die Wonnen des Paradieses geben und war für die mittelalterlichen Pilger von Anfang an verbunden mit der Aussicht auf Sündenvergebung, was später durch die Einführung von Ablässen institutionalisiert wurde. Das versöhnende Wirken Jesu Christi wurde zuteil durch die Fürsprache des Apostels Jakobus. Der gehörte zu Lebzeiten zu den engsten Begleitern Jesu und, so steht es in der Bibel, wurde im Jahr 44 unter Herodes Agrippa I. in Jerusalem enthauptet. Die Antwort auf die folgerichtige Frage, wie denn der Apostel aus dem Heiligen Land nach Nordspanien gekommen sei, beantwortetet eine Legende.
Ein Einsiedler soll zu Beginn des 9. Jahrhunderts im Nordwesten Spaniens das Grab entdeckt haben. Die Nachricht fand Eingang in die Heiligenverzeichnisse und verbreitete sich so in ganz Europa. Dazu passte die alte Überlieferung, Jakobus habe vor seinem Tod auf der iberischen Halbinsel missioniert. Er war deshalb nach der Eroberung der Araber im 8. Jahrhundert für die Christen in Spanien bereits zu einer geeigneten Identifikationsfigur für die ideologische Auseinandersetzung mit den Muslimen geworden. Die "Entdeckung" des Apostelgrabes brachte Santiago de Compostela eine Vorrangstellung in der Region und später den Erzbischofssitz ein - und zog Pilger aus ganz Europa ans "Ende der Welt".
Nur zu besonderen Anlässen wird heute noch das an einem langen Seil in der Kuppel befestigte und frei schwingende Weihrauchfass in Bewegung gesetzt. Das Botafumeiro genannte Fass misst selbst 1,60 Meter und hängt an einem 30 Meter langen Seil an der Decke. Über den ursprünglichen Zweck dieser Vorrichtung lässt sich nur spekulieren. Man vermutet, dass der Weihrauch den Körpergeruch der Pilger übertünchen sollte, denn früher verbrachten diese die ganze erste Nacht nach der beschwerlichen Reise in der Kirche.
Sehenswert ist neben der Kathedrale die Altstadt, die 1985 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde. Im Jahr 2000 war Santiago de Compostela Kulturhauptstadt Europas.