Rund 110.000 junge Männer verweigern jährlich den Dienst an der Waffe. Doch die Zeiten, als Zivildienstleistende als Drückeberger galten, sind lange vorbei. Heute gilt der soziale Dienst als unverzichtbar. Für viele verändert er langfristig das eigene Leben.
"Meine Sicht auf das Leben hat der Zivildienst nachhaltig geprägt", sagt Klaus Zimmermann. Der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung war Anfang der siebziger Jahre als Zivildienstleistender in einem Rettungswagen unterwegs. "Not, Leid und Tod auf der Straße - es war nicht immer schön", erzählt er. Dennoch hat er seine Arbeit als Zivi als eine Bereicherung empfunden.

Zu dieser Einschätzung kommt auch ein Forschungsprojekt im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, dessen Zwischenergebnis Anfang des Jahres vorgestellt wurde. Demnach werden junge Männer durch den Zivildienst selbstbewusster, teamfähiger und sozial kompetenter. Diesen Eindruck haben jedenfalls mehr als 90 Prozent der befragten Einrichtungen.
Ganz in diesem Sinne soll der Zivildienst nun zu einem "Lerndienst" umgebaut werden. Nach einem Anfang des Jahres inkraft getretenen Gesetz erhalten Zivildienstleistende ein Abschlusszeugnis, das Auskunft über die erworbenen Kompetenzen gibt. Außerdem sollen diese Kenntnisse leichter auf die Ausbildungs- und Studienzeiten angerechnet werden können.
Peter Tobiassen, Geschäftsführer der Zentralstelle für Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen (Zentralstelle KDV)
Noch vor nicht allzu lange Zeit wurden Zivildienstleistende gerne als "Drückeberger" beschimpft. Wer sich gegen den Dienst an der Waffe entschieden hatte, musste dies stets vor den Ausschüssen der Kreiswehrersatzämter begründen. In ausführlichen Befragungen musste der Verweigerungswillige sein Gewissen prüfen lassen. Viele mussten in den sechziger und siebziger Jahren sogar vor Verwaltungsgerichte ziehen.

Aus der Gewissensprüfung mit Anhörung ist mittlerweile ein einfaches schriftliches Verfahren beim Bundesamt für Zivildienst geworden. Doch auch heute noch sei der Zivildienst mit einer politischen Aussage verbunden, meint Peter Tobiassen, Geschäftsführer der Zentralstelle für Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen (Zentralstelle KDV). "Es geht nach wie vor darum, den Kriegsdienst zu verweigern, also zu sagen, mit Militär kann man keinen Frieden schaffen".
Seit seiner Gründung im Jahr 1957 berät der Zentralstelle KDV junge Männer, die den Dienst an der Waffe verweigern wollen. Tobiassen, der seit über 30 Jahren bei der Zentralstelle KDV arbeitet, beklagt, dass das Grundrecht der Kriegsdienstverweigerung nach wie vor nur nach staatlicher Überprüfung gewährt werde, wenn auch jetzt in einem rein schriftlichen Verfahren.
Seit 1961 werden die Kriegsdienstverweigerer zum Ersatzdienst herangezogen. Seither gab es laut epd mehr als 2,5 Millionen Zivis. Vor allem bei der Betreuung von Alten, Kindern und Kranken sind die Zivildienstleistenden heute nicht mehr wegzudenken. Doch die Behauptung, die sozialen Einrichtungen seien auf die Zivis angewiesen, ist Tobiassen zufolge nicht zutreffend. Im Laufe der letzten zehn Jahre habe sich die Zahl der Zivis halbiert, von durchnittlich 137.000 im Jahr 1999 auf heute 63.000 und dennoch ist "der Sozialbereich nicht zusammengebrochen", so der Leiter der Zentralstelle KDV.

Eine andere Frage ist, ob der Zivildienst in seiner heutigen Form überhaupt ökonomisch sinnvoll ist. Denn die Zivis als staatlich subventionierte Arbeitskräfte arbeiten schon längst nicht mehr nur für Sozial- und Wohlfahrtsverbände. Jeder dritte ist mittlerweile in einer privatisierten Einrichtung tätig. Das sieht Tobiassen kritisch: "Ihre Arbeit trägt zur Gewinnsteigerung der Unternehmen bei und nimmt anderen auch noch den Arbeitsplatz weg", sagt er. Ohne die Zivis könnten hier Zehntausende neuer Jobs entstehen. Besonders für Arbeitslose mit geringer Qualifikation wäre dies eine Chance.
Und wer weiß, vielleicht steht die Abschaffung des Zivildienstes in der nächsten Legislaturperiode an. Denn der Wandel der Bundeswehr von einer Verteidigungsarmee hin zu einer internationalen Eingreiftruppe könnte in den nächsten Jahren zum Ende der Wehrpflicht führen. Das wäre wahrscheinlich auch das Ende für den Zivildienst. Tobiassen würde das begrüßen: "Den Zivildienst abzuschaffen, wäre kein Verlust. Statt sozialen Einsatz über einen Zwangsdienst zu organisieren, sollte die Bundesregierung stattdessen jungen Menschen viel mehr Möglichkeiten bieten, sich über freiwillige Angebote zu engagieren."