Allen alles zeigen - Millionen präsentieren sich offen im Internet. Auf der eigenen Website oder bei sozialen Netzwerken wie StudiVZ, Xing oder MySpace hinterlegen sie Steckbriefe, Fotos, Videos oder sie führen öffentlich Tagebuch. Probleme und Gefahren werden dabei oft nicht wahrgenommen.

Ich gruschel, also bin ich. Dahinter steckt wohl weniger eine große Philosophie als das Lebensgefühl einer ganzen Generation. StudiVZ, MySpace und andere digitale Netzwerke haben Hochkonjunktur, gut die Hälfte aller 14 bis 29 Jährigen präsentieren Privates im Web. Gruscheln ist ein Neologismus aus 'kuscheln' und 'grüßen', das verdeutlicht Zweierlei: Die jungen Erwachsenen veröffentlichen Intimes und Privates offenherzig wie nie und sie sind ständig auf der Suche nach neuen Kontakten und Freundschaften im Netz. Dass damit viele Probleme einhergehen, wird oft übersehen.
Die neue Offenherzigkeit, die Präsentation von Informationen zur eigenen Person, zu den Hobbies, dem eigenen Lebensstil, die Bereitstellung von Fotos, die Identifizierung der Personen auf Fotos, das Schreiben von Web-Tagebüchern und Kommentaren darin ruft Datenschützer wie Soziologen gleichermaßen auf den Plan. Dr. Jan Schmidt vom Hans-Bredow-Institut für Medienforschung der Uni Hamburg forscht rund um Web 2.0 und Social Software. Diese interaktiven Elemente des Internets dienen der Kommunikation. Dazu zählen sogenannte Blogs, Wikis, Photo- und Videoportale, Online-Netzwerke oder Tauschbörsen.

Der Soziologe Schmidt untersucht aktuelle Veränderungen und Entwicklungen sozialer Netzwerke und deren Auswirkungen auf Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Was reizt junge Menschen, alles von sich preiszugeben? Welche Auswirkungen haben 3D-Welten wie Second Life auf das Realitätsbewusstsein der Nutzer?
Sonntags-Studiogast zum Thema
Alexandra Vacano spricht mit dem Kommunikationswissenschaftler Dr. Jan Schmidt vom Hans-Bredow-Institut für Medienforschung in Hamburg.

"Socialweb" wird diese Entwicklung in der Fachsprache genannt. Dieses "soziale Netz" meint aber keine neue Technologie, sondern beschreibt eine neue Qualität des Internets, das junge Leute unter dreißig ganz selbstverständlich nutzen. Hier präsentieren sie sich mit Aspekten ihrer eigenen Person, mit ihrer persönlichen Meinung und mit Angaben zu ihrem beruflichen Lebenslauf. Außerdem knüpfen und pflegen sie Kontakte im privaten und professionellen Bereich.
Der Soziologe Schmidt gibt zu bedenken, dass diese Daten kontextabhängig ins Netz gestellt werden. Personen, die auf Daten zugreifen, tun dies in einem grauen rechtlichen Bereich. Ein Personalveranwortlicher oder ein Boulevard-Journalist habe eigentlich nicht in StudiVZ zu recherchieren, da bedürfe es neuer Verhaltensregeln, die aber erst ausgebildet werden müssten. Die jungen User selbst sollten überlegen, wer alles Zugriff auf die Daten hat, etwa kommerzielle Anbieter, Journalisten, der Staat oder auch die zukünftige "Schwiegermutter".

"Für die heutige Generation ist die Online-Welt schlicht ein Teil der Realität.", sagt Sabine Trepte in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Focus. Die Professorin für Medienpsychologie ist davon überzeugt, dass den Nutzern von Internet-Netzwerken nicht immer bewusst ist, dass sie ihr Privatleben in einem Massenmedium ausbreiten statt in einer privaten Plauderecke.
So sei es ihren Studenten etwa sehr peinlich gewesen, als Forschungsergebnisse über deren Online-Päsenz bei StudiVZ im Seminar präsentiert wurden. Und das, "obwohl sie sich im Internet einem wesentlich größeren Publikum offenbaren", so Trepte.
Frauke ist raus. Für sie hat es sich ausgegruschelt. Ihren "digitalen Selbstmord", also ihren Ausstieg beim Studentennetzwerk StudiVZ und die Folgen, beschreibt die Web-2.0-Aussteigerin auf Spiegel Online. Frauke schreibt: "Ich bekomme Muffensausen: Doch nicht abmelden? Bricht mein soziales Netzwerk zusammen - oder ist ihm mein Austritt völlig Schnuppe?" Digitale Netzwerke - sie sind längst zum Kommunikationsmittel der Gesellschaft geworden. Welche Folgen hat ein Logout? Trotz mancher Zweifler und Aussteiger: Das StudiVZ ist eines der größten Online-Netzwerke, laut des Betreibers "StudiVZ Limited" sind acht Millionen Nutzer registriert.
StudiVZ - "Studentenverzeichnis" -www.studivz.net
Gründung: im Oktober 2005
Funktion: Erstellung von privaten Profilen, Kommunikation zwischen den Nutzern
Mitglieder: 8 Millionen (studiVZ Private Limited Company by Shares (Ltd.)), täglich 10.000 Neuanmeldungen
Besitzer: Der Holtzbrinck Konzern kaufte StudiVZ am 3. Januar 2007 für mehr als 50 Millionen Euro
My Space - "Mein Raum/mein Platz" - www.myspace.com
Gründung: im Juli 2003 von Tom Anderson
Funktion: Erstellung von Benutzerprofilen
Mitglieder: ?
Besitzer: MySpace, Inc., Los Angeles
Second Life - "Zweites Leben"- http://de.secondlife.com
Eine virtuelle Online-Welt, in der Menschen als künstliche Personen leben, spielen und kommunizieren. Mehr als 11 Millionen Benutzerkonten sind in dem 2003 gegründeten Spiel bereits angelegt. Entwickelt wurde Second Life 1999 von der US-Firma Linden Lab in San Francisco.
Webblog, kurz: Blog
Ein Weblog ist eine Internetseite, die sich dadurch auszeichnet, dass ihre Einträge chronologisch geordnet sind. Neue Weblog-Programme machen es quasi dem Laien sehr einfach, solch eine Internetseite zu erstellen und sich im Netz zu präsentieren. Im Volksmund werden Weblogs gerne als Online-Tagebuch bezeichnet. Doch Weblogs können mehr sein: Vor allem in den USA sind Weblogs zu einer kritischen Gegenöffentlichkeit zu den traditionellen Medien avanciert. Auch Unternehmen setzen Weblogs ein, um beispielsweise mit ihren Kunden zu kommunizieren.
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