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09. Februar 2012
 

sonntags

 
sonntags, 9.02 Uhr
Andrea Diener am Schreibtisch. Quelle: ZDF
Andrea Diener ist mit ihrem Blog in der Ausstellung vertreten.

Ausflug

Vom Tagebuch zum Weblog

Ausstellung "@bsolut privat!?" in Frankfurt

von Maria Trübswetter

Für viele junge Menschen ist es inzwischen ein tägliches Ritual: Sie notieren die Ereignisse des Tages in einem Online-Tagebuch, auch Weblog genannt - oder kurz Blog. Familienstreitereien, Urlaubsbilder oder politische Kommentare - das alles wird frei zugänglich ins Netz gestellt. Auf den ersten Blick scheinen solche Blogs mit klassischen Tagebüchern wenig gemeinsam zu haben. Doch es gibt zahlreiche Verbindungslinien, wie die Ausstellung "Absolut privat" im Museum für Kommunikation in Frankfurt am Main zeigt. Das Ausstellungsplakat verbindet beides kunstvoll durch ein handgeschriebenes "@bsolut privat!?".

 
 
 
 

Bekannte Tagebücher wie das der Anne Frank stehen in der Ausstellung "Absolut privat!?" gleichberechtigt neben Blog-Einträgen. Zu Recht, findet Museumsdirektor Helmut Gold, denn beides ist Teil einer facettenreichen Tagebuchkultur: "Es geht bei beiden darum, über sich zu schreiben und es geht um den Tag als strukturierendes Element."

 

Zudem arbeiten beide mit Einlagen und Verweisen, wenn zum Beispiel Blumen in ein Tagebuch geklebt oder You-Tube-Videos in ein Blog verlinkt werden. Und noch eine Gemeinsamkeit fällt beim Blättern durch die papierenen und digitalen Tagebücher auf: Egal ob sie als Lebenswerke geplant oder nur auf einen kurzen Zeitraum angelegt sind, immer ist der erste Eintrag voll guter Vorsätze!

 
Monitor mit Video "Else Seefahrt". Quelle: ZDF
ZDF
Videotagebuch von Inken Helldorfer alias Else Seefahrt

Infobox

Auszüge aus Tagebüchern

"Mein Leben wird natürlich damit enden, dass ich Selbstmord begehe."
Katherine Mansfield, 10. Februar 1908

"Heute nichts geschrieben. Morgen keine Zeit."
Franz Kafka, 17. Juni 1912

"Ich bin müde und traurig. Ich will schlafen."
Luise Rinser, 24. November 1944

Veröffentlichung beabsichtigt

Für viele ist Tagebuch schreiben verbunden mit der Vorstellung von Intimität und Privatheit. Das Fragezeichen im Ausstellungstitel "Absolut privat!?" lädt ein, dieses gängige Bild zu überprüfen.

Denn schon vor dem Internetzeitalter gab es Tagebücher, die auf Veröffentlichung hin angelegt waren, zum Beispiel das der Anne Frank. Sie schrieb anfangs nur für sich, wollte dann aber das Leben der verfolgten Juden dokumentieren und hat deshalb ihre Aufzeichnungen im Jahr 1944 überarbeitet. Die meisten Tagebücher sind aber, im Gegensatz zum Blog, privat. Erst nach dem Tod des Verfassers ist ein Blick in die eindrucksvollen Lebensbilder möglich.

Formenvielfalt

Nicht nur die sprachliche Vielfalt der Tagebücher ist beeindruckend, auch die Form der Aufzeichnungen lässt bisweilen staunen: Der Zimmermann Hans Gröner hat seine Gedanken zum Beispiel auf Holzscheiten festgehalten. Nur zufällig hat die Enkelin diese Aufzeichnungen nach seinem Tod gefunden.

 
Notizen auf Holzscheiten. Quelle: ZDF
ZDF
Notizen auf Holzscheiten von Zimmermann Hans Gröner

In kleinen Handkalendern notierte ein Unbekannter 40 Jahre lang sein Mittagessen - sonst nichts. Und Inken Helldorfer alias Else Seefahrt gibt in einem Videotagebuch, öffentlich ins Netz gestellt, Einblicke in ihren Alltag.

 

Das eigene Leben begreifen

Egal in welcher Form, für viele Menschen ist das Tagebuch ein wichtiger Bestandteil ihres Alltags. Es gehe darum, schreibend das eigene Leben zu begreifen, erklärt Andrea Diener, die mit ihrem Blog in der Ausstellung vertreten ist. "Irgendwie entgleitet einem die Zeit und man möchte dann wenigstens gewisse Punkte immer wieder aufgereiht haben, möchte sein Leben ein bisschen strukturieren und vielleicht später auch wieder nachlesen."

Tagebuchnotizen versteckt in einer Taschenuhr. Quelle: ZDF
ZDF
Tagebuchnotizen eines KZ-Häftlings in einer Taschenuhr versteckt

Für Menschen wie Fritz Solmitz ist das Tagebuch auch die Chance, eine letzte Botschaft zu hinterlassen: Der KZ-Häftling hat auf Zigarettenpapier die letzten Tage seines Lebens festgehalten. "Jeden Tag hört man jetzt Peitschenschläge und Schreie. Wie lange wird's dauern bis ich wieder dran bin?", schreibt er drei Tage vor seinem Tod. In einer Taschenuhr versteckt gelangt das Tagebuch an seine Ehefrau. Anfang der 60er Jahren dienen diese Aufzeichnungen sogar als Beweismittel im Gerichtsprozess gegen einen der Aufseher.

 

Infobox

Ausstellung "Absolut privat!? Vom Tagebuch zum Weblog"

6. März bis 14. September 2008 im Museum für Kommunikation in Frankfurt am Main

15. Oktober 2008 bis 15. Februar 2009 im Museum für Kommunikation in Nürnberg

 
 
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