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10. Februar 2012
 

sonntags

 
sonntags, 9.02 Uhr
Weißer Hai. Quelle: ZDF
Auf Menschen wirkt ein Hai furchterregend - doch zu unrecht.

Menschen & Projekte

Ausgerottet aus Angst

Der Hai wird erbarmungslos gejagt, dabei ist er wichtig für das Ökosystem Meer

von Ulrich Hansen

Als "Mülleimer der Meere" wurde der Hai beschimpft, als "Fressmaschine" mit "kalten schwarzen Augen" - der Film "Der Weiße Hai" hat dem Geschöpf ein Imageproblem bereitet, von dem es sich bis heute nicht erholt hat. Das Meereszentrum Fehmarn und der gemeinnützige Verein "Sharkproject" versuchen, dieses Bild zu korrigieren. Denn viele Haiarten stehen kurz vor der Ausrottung - mehr menschliches Mitgefühl könnte viel bewirken.

 
 
 
 

Haifütterung im größten deutschen Meerwasser-Aquarium, im Meereszentrum Fehmarn. Die 14 Tiere sind hungrig. Hungriger als sonst: Die eigentlich am Vortag fällige Fütterung hatten die Betreuer um einen Tag verschoben - extra fürs ZDF-Team. Das steht denn auch mit schlechtem Gewissen auf dem Steg über dem Haifischbecken. Jetzt bloß keine falsche Bewegung!

Michael Kandler füttert die Haie. Quelle: ZDF
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Michael Kandler beim Füttern

Hungrig Haie - keine blutrünstigen Wesen

Doch die Raubtiere nähern sich nur sehr bedächtig der Futterzange mit dem toten Dorsch, den Michael Kandler ins Wasser hält. Sie beißen zunächst nicht, sondern betrachten die Situation, ziehen sich wieder zurück. Erst nach fünf Minuten wagt sich ein Sandtigerhai vor. Kandler lässt den Dorsch ins Wasser fallen, geschickt fängt ihn der Hai auf, fasst zweimal nach und zieht langsam kauend weiter. Das sah bei Spielberg aber anders aus!

 

"Nein, es ist nicht so, dass da dieses blutrünstige Wesen nach oben kommt und wild nach irgendwelcher Nahrung schnappt", sagt Kandler und lacht. Der junge Mann Ende zwanzig ist Wissenschaftlicher Leiter des Meereszentrums. Früher warf er das Futter ins Becken, die Tiere fraßen es vom Boden. Jetzt kommen sie und schnappen es von der Futterzange. So können die Betreuer jeden Hai einzeln, nach Bedarf füttern. Aber es dauerte drei Monate, bis die Tiere sich so nah an ihre menschlichen Fütterer trauen.

 
Meerwasser-Aquarium. Quelle: ZDF
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Aquarium im Meereszentrum Fehmarn

Ein Knochensack

Haie sind vorsichtige Tiere. Aber das wissen die Besucher nicht. "Ich habe Angst vor Haien", gibt eine junge Frau zu, während im Aquarium die Sandtigerdame "Sharkeline" vorbeizieht. "Die ganzen Zähne, die sind ja auch scharf", stellt ein kleiner Junge zu Recht fest und ein Mädchen meint: "Ich bin froh, dass das Glas so dick ist."

 

Viele haben falsche Vorstellungen: "Die Leute glauben, der Hai könne Menschenblut riechen," sagt Kandler, "stimmt nicht: Er riecht Fischblut; menschliches Blut bedeutet ihm gar nichts." Haie attackierten keine Schiffbrüchigen, sie fräßen keine Festtagsbraten und der Mensch sei für sie auch keiner: "Der Mensch ist für den Hai ein Knochensack, er kann Menschenknochen gar nicht verdauen und deswegen frisst er ihn nicht."

Weißer Hai. Quelle: ZDF
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Weißer Hai

Weißer Hai gilt schon als ausgestorben

Mit der Haischutzorganisation "Sharkproject" hat das Meereszentrum einen Lehrpfad entwickelt, um Vorurteile abzubauen. Da kann man Haihaut berühren, lernt die Sinnesorgane des Tiers kennen und dass es wichtig ist für das Ökosystem Meer: "Fehlten die Haie, würden sich die anderen Fischarten schlagartig vermehren", sagt Kandler. "Das wiederum würde das Plankton im Meer bedrohen - und das produziert 70 Prozent des Sauerstoffs auf der Erde." Viele Haiarten sind schon bedroht.

 

"Der Weiße Hai gilt unter Experten bereits als biologisch ausgestorben", sagt Gerhard Wegner, Präsident von "Sharkproject". Die Zahl der Hammerhaie im Nordatlantik sei in den vergangenen sechs Jahren um 89 Prozent zurückgegangen, die Zahl der Blauhaie um 93 Prozent. Der Dornhai, der unter dem absurden Namen 'Schillerlocke' bekannt ist, ist im Atlantik und in der Nordsee fast ausgerottet.

Sandtigerdame Sharkeline. Quelle: ZDF
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Sandtigerdame Sharkeline

Kaum Nachkommen

Das Problem der Haie: Sie vermehren sich langsam. Sie brauchen bis zu 30 Jahre, bis sie überhaupt geschlechtsreif sind, haben lange Schwangerschaften und nur wenige Junge. "Die Natur hat da eine Art Fortpflanzungsbremse eingebaut, gerade weil Haie so perfekte Raubtiere sind", sagt Wegner. Das wird dem Tier zum Verhängnis. "In der Geschwindigkeit, in der wir diese Tiere ausrotten, haben sie keine Chance, den Bestand zu erhalten."

 

Hauptgrund für das Töten: die Flossen. Haifischflossensuppe, eine knorpelige Masse, gilt in asiatischen Ländern als Statussymbol, auch weil sie einst fester Bestandteil der kaiserlichen Tafel war. 150 Dollar kostet ein Schälchen Suppe. Der hohe Preis befördert die Gier. Haie werden massenhaft gefangen - schnell, effizient, platzsparend: "Da Haie schwierig zu töten sind, schneidet man ihnen die Flossen bei lebendigem Leib ab", erzählt Wegner, "sie schreien ja nicht. Dann wirft man sie einfach wieder ins Wasser, wo sie elend verrecken."

Hai mit abgeschnittenen Flossen. Quelle: ZDF
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Hai mit abgeschnittenen Flossen

"Geschämt, ein Mensch zu sein"

Der Sharkproject-Gründer hat das selbst schon gesehen: "Wir waren in Costa Rica und standen in Lagerräumen, wo die Flossen getrocknet werden. Da hingen in Trockengestellen die Flossen von ein- bis eineinhalb Millionen Tiere. Man muss sich das vorstellen: Diese Tiere sind unentbehrlich für das Ökosystem Meer und sie werden getötet für einen Teller Suppe. Ich habe mich geschämt, ein Mensch zu sein."

 

Den lokalen Fischern will er dennoch nicht die Schuld geben. "Die machen das als Lebensunterhalt. Die Menschen, die Haifischflossensuppe essen - die sind es, die das Töten auslösen." Die aber täten es nur, weil sie dem Hai gleichgültig gegenüberstehen. "Und das ist ja gar nicht mal irrational: Warum sollten Menschen ein Tier schützen, dass sie ängstigt? Wir töten im Jahr über 200 Millionen Haie. Und das passiert, weil die Menschen sich fürchten."

U-Boot. Quelle: ZDF
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U-Boot zur Beobachtung von Haien

Mit dem U-Boot in die Tiefe

Das ist die Grundidee für die Arbeit von "Sharkproject". Durch Kooperationen wie die mit dem Meereszentrum Fehmarn, durch Filmdokumentationen, Werbespots und kostenlosem Lehrmaterial für Schulen versucht die Organisation, die Tiere zu "entkriminalisieren". Sogar ein U-Boot hatte die Organisation im Jahr 2006 gebaut und damit ein Jahr lang weiße Haie vor Südafrika beobachtet. Forscher aus aller Welt wurden zu der Expedition eingeladen, Wegner, der seit 35 Jahren taucht, war dabei - und immer noch begeistert: "Wenn Sie einem Weißen Hai unter Wasser begegnen, kriegen sie Ehrfurcht. Die Tiere sind ans U-Boot ran geschwommen, haben uns mit großen neugierigen Augen angeguckt und da habe ich gesehen, dass das Auge gar nicht schwarz ist, sondern dunkelblau." Er lacht: "Dann ist man eigentlich viel zu nah dran, wenn man das sieht. Aber es ist ein faszinierendes Erlebnis, mal für einige Sekunden im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit eines großen weißen Hais zu stehen."

 

Es könne jedoch auch gefährliche Situationen geben, etwa wenn Futter im Wasser sei. "Dann kommen die sechs Meter langen Tiere schon mal und stoßen einen an, nach dem Motto: 'Was bist Du denn eigentlich?' Und das ist bei einem so großen Tier nicht ganz lustig. Also da geht man dann sofort aus dem Wasser und trinkt mindestens zwei Whisky danach. Aber es ist die größte Faszination überhaupt, ein Tier mit einer solchen Aura erleben zu dürfen. Leider wird unsere Generation die letzte sein, die diese Tiere sieht."

 
 
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