Hans Küng zählt zu den profiliertesten christlichen Theologen der Gegenwart. Seit rund fünfzig Jahren wirbt er für ein friedliches Miteinander der Weltreligionen. Doch in seiner katholischen Kirche sind dem Ausnahmegelehrten hohe Ämter verwehrt.
Ende 1979 entzog ihm Rom die Lehrerlaubnis. Dies hinterließ jedoch keine Schatten auf seiner akademischen Karriere. Im Gegenteil: mit seiner Papst- und Kirchenkritik eroberte sich Küng ein Millionenpublikum. Der Bestseller-Autor und Botschafter der Ökumene der Religionen wird am 19. März 80 Jahre alt.
Was den Zustand seiner Kirche angeht, ist Küng heute so ungeduldig wie in den 60er Jahren, als er als junger Tübinger Professor zum Berater des Zweiten Vatikanischen Konzils berufen wurde. Mit Joseph Ratzinger, dem heutigen Papst Benedikt XVI., war er seinerzeit der Jüngste. Doch in den Dienst der Kirche treten wollte er schon damals nicht. "Das hätte mich zu einem Diener des Systems gemacht, der nicht mehr die Wahrheit hätte sagen dürfen", sagte Küng jetzt der christlichen Zeitschrift "Publik-Forum".
Zum Stand der Ökumene bilanziert er nüchtern: "Die meisten Katholiken und Protestanten kümmern sich schon gar nicht mehr um die Spaltung. Sie leben die Ökumene ganz selbstverständlich und unbekümmert um römische Dekrete in Dogma und Moral an der Basis." Es gebe keinen "theologischen Grund, warum Rom die Ämter der anderen Kirchen nicht endlich anerkennt und die Abendmahlsgemeinschaft nicht hergestellt werden kann", erklärte Küng in einem epd-Interview.

Küng, hochbegabter ältester Sohn eines Schuhhändlers im Schweizer Kanton Luzern, predigt seit den 80er Jahren unermüdlich seine einfache Formel: Kein Frieden zwischen den Nationen ohne Frieden unter den Religionen. Kein Frieden zwischen den Religionen ohne Dialog. Von Politik, Kirche und Wissenschaft fordert Küng seit langem einen umfassenden und überfälligen Bewusstseinswandel.
Modelle für ein friedliches 21. Jahrhundert sucht seine Stiftung "Weltethos". Dort führt er das Beste aus allen Weltreligionen zusammen. Die rasante Globalisierung von Wirtschaft, Technologie und Medien verlangt Küng zufolge eine globale Steuerung durch eine weltweite, ethisch verantwortete Politik, fordert er etwa in seinem groß angelegten Medien-Projekt "Spurensuche". Küng: "Globale Politik bedarf der Fundierung durch ein globales Ethos, ein Weltethos."

Die Hoffnung auf eine tolerantere Kirche und eine gerechtere Weltordnung sind schon in jungen Jahren Küngs Triebfeder für seine enorme, Respekt gebietende Arbeitsleistung. Dies wird in seiner Autobiographie "Erkämpfte Freiheit" der ersten 40 Lebensjahre deutlich. Die Entscheidung zum Priesterberuf fällt früh. Am Collegium Germanicum unterwirft sich der junge Küng der strengen jesuitischen Eliteausbildung und macht früh auf sich aufmerksam.
Wie kaum ein anderer Theologe versteht sich der polyglotte, acht Sprachen beherrschende Schweizer mit anhaltendem Elan und Charme auf die Vermittlung komplexer akademischer Sachverhalte. Seine klare, unprätentiöse und dabei geistreiche Sprache brachte ihm allerdings auch gelegentlich den Vorwurf der zu starken Vereinfachung ein. Bis zur Emeritierung 1996 lehrte Küng ökumenische Theologie und leitete das Tübinger Ökumene-Institut. Sein Lehrstuhl für christliche Theologie war - ein Novum in der deutschen Universitätsgeschichte - rechtlich keiner Kirche zugeordnet.
Inzwischen sendet die Amtskirche Signale für eine Versöhnung zwischen Rom und Küng. Er selbst ist auch ein wenig milder geworden. Die erste Enzyklika von Papst Benedikt XVI. "Deus caritas est" (Gott ist Liebe) begrüßte er 2006 grundsätzlich als "gutes Signal". Auch ein Treffen zwischen Benedikt und Küng im September 2005 hatte den Angaben des vatikanischen Pressesaals zufolge "in freundschaftlicher Atmosphäre" stattgefunden. Der Papst wiederum äußerte danach seine Zustimmung zu Küngs Bemühungen um den Dialog zwischen Glaube und Naturwissenschaft.