Poesie ist wieder in. Jugendliche lieben Rap, junge Autoren lesen in Kneipen ihre Gedichte vor und die Werbebranche formuliert in Reimen ihre Botschaft. Verse, Gedichte, Lieder haben ihren altmodischen Anstrich verloren und sind in unserer Alltagskultur angekommen.
Das Gedicht ist eine dem Wort verpflichtete Kunstform. Es kann eine Stimmung, ein Gefühl, eine Assoziation kurz und prägant zum Ausdruck bringen. Die ihm innewohnenden klanglichen, rhythmischen und musikalischen Elemente und die Prägnanz wirken attraktiv und kommen anscheinend dem heutigen Zeit- und Lebensgefühl entgegen.

Sprechen in Reimen und damit verbunden das Dichten ist eine der ältesten Kulturtechniken des Menschen. In vorschriftlicher Zeit und in Gesellschaften mit starker mündlicher Tradition ist es eine Technik, wichtige Informationen in einer gut merkbaren Form weiterzugeben. Diese Memotechnik via Reimen und gebundener Rede war über die Jahrhunderte ein hilfreiches Mittel, sich Geschichten, Daten, überhaupt Wissenswertes und Wichtiges zu merken und von Generation zu Generation weiterzuvermitteln.
In einer Moritat kann sehr effektiv ein ganzes Leben in Worte gefasst und erinnerbar gemacht werden. Ein Lied transportiert und materialisiert Gefühle und stellt einer Sprachgemeinschaft ein Medium zur Verfügung, gemeinsame Erfahrungen anzusprechen und aufzuheben. Mit der Alphabetisierung hat diese Memotechnik ihre Bedeutung und Funktion verloren, dennoch lebt die Form der gebundenen Rede weiter.

Das Sprechen in Versen und Reimen hat heute eine rein ästhetische Funktion: Die poetische Sprache kann akzentuieren, ironisieren, auflockern oder ausschmücken. Dabei ist das Gedicht in Buchform in einer Krise. In der Jahresstatistik des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels über Neuerscheinungen taucht der Begriff Lyrik/Poesie gar nicht mehr auf, weil er sich in Marktanteil-Prozenten nicht darstellen lässt. Ein neues Medium für Lyrik sind dagegen Hörbücher, Liveveranstaltungen und das Internet.
Ein Gedicht lebt von der Stimme, dem Klang und dem Rhythmus des Vortrags. Ein Gedicht muss sein Instrument finden. Daher sind Live-Auftritte, Poetikfestivals, Lyrikabende mit den Dichtern auch so wichtig und erfolgreich, bis zu 10.000 Besucher kommen etwa zu dem einwöchigen Poetikfestival in Berlin, das von der literaturWERKstatt Berlin organisiert wird. Veranstaltungen, die sich Mischformen von Poesie und Tanz, Musik und Film widmen, erfreuen sich einer regen Nachfrage.
Das stille Lesen von Gedichten unterscheidet sich grundlegend von Prosatexten. Vielen fällt es ungleich schwerer. Denn vergleichbar mit der Notation von Musik vermögen nur wenige, so der Leiter der LiteraturWERKstatt Berlin Thomas Wohlfahrt, die Klang- und Rhythmuszusammenhänge eines Gedichts sinngebend zu "lesen". Erst der Vortrag verleiht dem Gedicht den Körper und Raum, in dem seine musikalischen Elemente Klang und Rhythmus realisiert werden. "Die Stimme verleiht dem Gedicht Atem", so Wohlfahrt.

Auch wenn das Gedicht mit der Rückgewinnung der Stimme als Instrument seine musikalischen Elemente (Gesang, Tanz) freisetzen kann, so ist es doch eine Kunst der Sprache und will deuten und bedeuten. Das Gedicht hat sich als Kunstform gegen das "anything goes" und jedwede Beliebigkeit zu wehren. Die Internetplattform www.lyrikline.org, die die literaturWERKstatt Berlin entwickelt hat, offeriert mehrsprachige zeitgenössische Gedichte, macht Gedichte hörbar und liefert Übersetzungen in verschiedene Sprachen. Inzwischen ist lyrikline.org mit dem Grimme-online- Preis 2005 geehrt.
Sonntags-Studiogast zum Thema
Doro Wiebe spricht mit Thomas Wohlfahrt -Germanist und Musikwissenschaftler, Leiter der LiteraturWERKstatt Berlin
Die UNESCO hat den 21. März - Frühlingsanfang - zum "Welttag der Poesie" ausgerufen. Er wurde erstmals 2000 begangen. Analog zum Welttag des Buches soll er an den Stellenwert der Poesie, an die Vielfalt des Kulturguts Sprache und an die Bedeutung mündlicher Traditionen erinnern.
So weist die UNESCO der Dichtkunst auch im Zeitalter der neuen Informationstechnologien einen wichtigen Platz im kulturellen und gesellschaftlichen Leben zu. Der Tag der Poesie soll daran erinnern, dass es neben den Kultur- und Naturdenkmälern, die als Weltkulturerbe geschützt werden, auch immaterielle kulturelle Ausdrucksformen gibt, die es zu bewahren, pflegen und wertzuschätzen gilt.
Frühling
Frühling lässt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen
Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist's!
Dich hab ich vernommen!
Eduard Mörike (1804-1875)
ein reigen - beatrice
beatrice ich singe wenn niemand mich hört
deine namen ersinne ich mir mit leiser stimme
mir geht es gut beatrice danke ich summe
und trage dich nicht nur auf lippen ich stoße
dich auch aus aus mir aus voller lunge und
liebe dich aus der erinnerung als hohen ton
im kopf im ohr ich höre beatrice dich mir an
© Raphael Urweider
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