Ein Ungeborenes kann bereits im 4. Schwangerschaftsmonat hören. Auch Klänge von außen kommen im Mutterleib an. Warum nicht die Kleinen mit klassischer Musik vertraut machen? Etwa im Konzert für Schwangere in der Münchner Akademie der Schönen Künste.
"Mal sehen, was man so für die frühkindliche Bildung tun kann", sagt eine der werdenden Mütter, die sich im Foyer der Münchener Residenz eingefunden haben. "Ich freue mich vor allem auf die schöne Musik", sagt eine andere und fügt hinzu, "ich denke, dass sie auch bis zum Baby durchdringt." Auch die übrigen Konzertbesucher schauen immer wieder verstohlen in Höhe des Bauchnabels: Wird es Reaktionen der Ungeborenen auf die Musik geben?

Der Konzertabend beginnt mit weniger harmonischen Klängen: Die "Visions de l'Amen" des französischen Komponisten Olivier Messiaen steht auf dem Programm, einer Musik voller Dissonanzen und Reibungen. Vorgetragen von Sebastian Euler und Lucia Huang - dem Duo D'Accord, das derzeit von Kritikern in den höchsten Tönen gelobt wird. Und wer die aus Taiwan stammende Pianistin etwas genauer beobachtet, der entdeckt: Auch sie ist schwanger, bereits im 7. Monat.
Die Konzertreihe für Schwangere in der Bayrischen Akademie der Schönen Künste hat der Münchner Komponist Wilfried Hiller ins Leben gerufen. "Musik soll schon früh im Leben der Familien einen Platz finden. Damit die Freude an klassischer Musik nichts Fremdes ist, sondern unser tägliches akustisches Brot", sagt der Präsident des Bayrischen Musikrats.
Mit seinen Kinderopern, wie etwa "Peter Pan" oder "Der Goggolori" zusammen mit Michael Ende, gelang es ihm, das ganz junge Publikum für die Musik zu begeistern. Doch nun plant er nichts Geringeres, als eine neue Ära der musikalischen Früherziehung einzuleiten - eine, die schon vor der Geburt beginnt.

Kann ein Ungeborenes überhaupt die Musik wahrnehmen? Der Fötus im Mutterleib ist nicht nur geformt wie ein Ohr, er ist auch ganz Ohr. Bereits im 4. Schwangerschaftsmonat ist das Gehör voll ausgebildet. Hören gilt als die erste sinnliche Erfahrung des Ungeborenen. Es nimmt vor allem die Geräusche im Körperinneren der Mutter wahr: das pochende Herz, die brodelnde Verdauung, den dröhnenden Blutstrom. Und es hört die Stimme der Mutter. Der Fetus kann es aber auch Geräusche von außen wahrnehmen und somit den ersten Kontakt zur Welt aufbauen.

Wie Ungeborene auf Klänge und Musik reagieren, wurde in den vergangenen Jahren systematisch erforscht. So weiß man mittlerweile, dass Babys mit einer akustischen Erinnerung auf die Welt kommen. Spielt man ihnen verschiedene Frauenstimmen vor, ziehen sie stets durch heftiges Nuckeln am Schnuller die mütterlichen Töne vor. Zugleich wird der Puls ruhiger. Auf demselben Weg fand man heraus, dass sich Babys auch an Musikstücke erinnern können, die ihre Mütter häufiger während der Schwangerschaft gehört hatten.
Über die Reaktionen eines Ungeborenen auf Musik weiß auch die Münchner Konzertpianistin Lucia Huang zu berichten. Das kleine Mädchen, das sie zusammen mit Sebastian Euler erwartet, erfährt die Musik täglich aus nächster Nähe.
Während der Konzerte verhalte sich die Kleine immer ganz ruhig. Das freut die künftigen Eltern, denn heftiges Strampeln im Bauch könnte die Musikerin aus dem Rhythmus bringen. "Doch bei Messiaen, da reagiert sie fast immer", erzählt Huang. Und auch zu Beginn ihrer täglichen Proben spürt sie stets einen zarten Tritt gegen die Bauchdecke.

Klassische Musik wirke positiv auf die frühkindliche Entwicklung, heißt es oft. Besonders seit Forscher in den 90er Jahren den genannten Mozart-Effekt meinten entdeckt zu haben. Demnach verbessere das Hören von Mozarts Musik das räumliche Vorstellungsvermögen. Seither boomt ein ganzer Markt von Klassik-CDs für Babys und Schwangere. Den werdenden Müttern wird suggeriert, die Beschallung mit klassischer Musik mache ihre Kleinen womöglich intelligenter.
Das ist allerdings unter Wissenschaftlern äußerst umstritten. Eine Studie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung geht der Frage nach "Macht Mozart schlau?" Fazit der Wissenschaftler: Bislang gibt es dafür keine Belege, dass Mozart den Intelligenzquotienten in die Höhe treibt. Doch mindert das nicht ihre wohltuende Wirkung. Musik sei "Nahrung für die Seele", sagt Wilfried Hiller, "so wie wir täglich, was zu essen brauchen und zu trinken, so finde ich hat Musik für Seele etwas Beruhigendes, Befreiendes."

Im Rhythmus des Boleros von Ravel klingt der Münchner Konzertabend aus. Und auch wenn klassische Musik aus Babys keine Genies macht, wer weiß, vielleicht wurde heute bei dem ein oder anderen schon im Mutterleib die Freude an der Musik geweckt. "Also beim Messiaen hat mein Baby nur gestrampelt. Es war wie ein richtiger Tanz, ganz lustig", erzählt eine der werdenden Mütter nach dem Konzert.
"Für mich war es einfach ein schöner Abend", sagt eine Konzertbesucherin, die in der 28. Woche schwanger ist. "Und ich denke, es überträgt sich auch, wenn es der Mutter gut gefällt, dann ist es auch für das Kind schön." Und schön ist für ein Ungeborenes wahrscheinlich, das zu tun, was es ohnehin die meiste Zeit tut: wohlig zu schlummern.