Den meisten Kinobesuchern fällt nicht auf, dass Mark Balke eine geistige Behinderung hat, denn er erledigt alle Arbeiten, die im Kino anfallen. Mit Hilfe des Berliner Vereins "Lernmobil" absolvierte er ein Praktikum und erhielt sogar einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Besonders freut ihn aber, dass er nun nicht in einer Behindertenwerkstatt arbeiten muss.

Mark liebte schon immer den Film, doch als geistig Behinderter hatte er wenig Chancen, jemals beruflich etwas damit zu tun zu haben. Das Lernmobil, eine Volkshochschule für geistig Behinderte, ermöglichte ihm ein spezielles Training. Durch eine auf ihn abgestimmte berufsbegleitende Schulung konnte er zunächst einen Praktikumsplatz in einem Kino ergattern, seit drei Monaten hat er sogar einen unbefristeten Arbeitsvertrag als Kartenabreißer.
Und weil ihm die Filme so gut gefallen, verbringt Mark auch seine gesamte Freizeit im Kino. Sein vorgezeichneter Lebensweg wäre die Behindertenwerkstatt gewesen, das Kino ermöglicht ihm eine andere, "normalere", Wirklichkeit.
Nicht jeder geistig behinderte Mensch schafft es tatsächlich, eine Arbeitsstelle außerhalb der Behindertenwerkstätten zu bekommen. Aber es könnten viel mehr sein, wenn sie gezielter vorbereitet würden. Viele Kursteilnehmer haben Angst, eigenständig zu arbeiten. Sie sind es nicht gewohnt, kaum einer traut ihnen etwas zu.

Diese Ängste müssen abgebaut werden. Beim Kochen geht das einfach. Gemeinschaftlich erledigen sie die Einkäufe. Große Teile des Unterrichts finden im öffentlichen Raum statt. Behinderte sollen, nach dem Konzept des Lernmobils, nicht in einem Ghetto leben, sondern mitten in der Gesellschaft. Dazu müssen sie erfahren, wie diese funktioniert. "Hauptziel ist es eben, sich reinzutrauen in den Laden, sich zu trauen jemanden anzusprechen, jemanden zu fragen, wo steht was und jeder kriegt immer eine kleine Aufgabe und muss sich alleine durchwuseln", erläutert Dozentin Jaqueline Schablack das Konzept .

Im Kurs erfahren die Teilnehmer auch, was Arbeitskollegen von ihnen erwarten und wie sie sich verhalten können. "Lernen pünktlich zu kommen, lernen höflich miteinander um zu gehen, Probleme anzusprechen und auszudiskutieren und nicht gleich drauf zu hauen, das sind so die Tugenden, die man erst erarbeiten muss. Man muss ja erst eine gewisse Reife mitbekommen, eine gewisse Grundlage eines Erwachsenen," erklärt Andrea Zengl, die Vorsitzende von Lernmobil e.V.

Lernmobil arbeitet mit schweren Fällen. Sie sind nicht nur geistig behindert, sie sind meist noch sozial auffällig und oft auch noch psychisch krank. Hans-Peter Lauenroth von Lernmobil schreckt das nicht ab, wichtig ist, dass die Menschen Potential haben und dass sie etwas erreichen wollen. In einem dreijährigen Kurs werden sie auf die Berufswelt vorbereitet, dabei steht vor allem die Erlangung sozialer Kompetenz im Vordergrund. Behinderte sind häufig daran gewöhnt, dass sich alles um ihre Bedürfnisse dreht, und dass diese unmittelbar realisiert werden - das Leben in der Gemeinschaft muss erst gelernt werden.
Mark Balke ist dort angekommen, wo die Kursteilnehmer des Lernmobils noch hin wollen. Er berichtet, wie er es schaffte, eine feste Arbeitsstelle zu bekommen und wie seine Kollegen auf seine Behinderung reagierten: "Sehr freundlich eigentlich, ich habe mich auf jeden Fall sehr wohl gefühlt, weil die Menschen uns Behinderten gegenüber Rücksicht genommen haben. Das erwartet man ja auch auf dem internationalen Arbeitsmarkt, dass man von anderen berücksichtigt und beherzigt, wenn jemand Schwierigkeiten hat, mit Stärken und Schwächen."

Aber nicht jeder Behinderte, so Lauenroth, kann diesen Weg gehen, etwa 20 bis 30 Prozent sind dazu in der Lage. Bisher werden aber fast alle geistig Behinderte in Werkstätten abgeschoben. Dass es Alternativen gibt, belegt Lernmobil. Der Berliner Verein ist in Deutschland der einzige, der Behinderte gezielt auf den ersten Arbeitsmarkt vorbereitet. Eine Absolventin des Vorbereitungskurses arbeitet inzwischen im Staatsarchiv, eine als Kindergartenhelferin, einer bei einer Hundeschule. Alle vier Absolventen des ersten Kurses haben inzwischen unbefristete Arbeitsverträge.
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