Einfach nur Urlaub? Wo ist da der Sinn? - fragen sich Menschen, die Tourismus langweilig finden und nach neuen Erfahrungen suchen. Zum Beispiel als Erntehelfer auf einem abgeschiedenen Bergbauernhof in Südtirol. Jan Frerichs war mit Kamera und Bergstiefeln dabei.

Wir sind unterwegs mit dem Auto. Stefanie Mößinger wollte eigentlich mit dem Zug zu ihrem Arbeitseinsatz nach Südtirol fahren, aber da war nix mehr zu machen: ausgebucht. Mich stört es nicht, denn so muss ich meine 35 Kilo Kameraausrüstung nicht durch Bahnhöfe schleppen. Um auf den Pirchhof nach Plaus im Südtiroler Vinschgau zu kommen, hätten wir in Bozen und Meran umsteigen müssen. Eine Odyssee.
Der Hof von Bergbauer Helmut Weithaler liegt 1050 Meter hoch. Rosa, seine Mutter, hat gerade die Hühner gefüttert, als wir ankommen. Wir beziehen unsere Zimmer mit Blick über das Tal. "Kann ich was helfen?" - Steffi kann es kaum erwarten, endlich in den Stall zu kommen. Zu Hause sammelt sie "alles mit Kühen" und seit ihrer Kindheit träumt sie von der Landwirtschaft. Aber das ist schon mal die erste Lektion: Hier geht alles etwas langsamer. Und nacheinander.

Wir besichtigen zuerst die Scheune, den Kuhstall und die kleine Seilbahn, mit der morgens um neun der Milchertrag des Tages ins Tal runtergelassen wird. Um halb elf kommt der Tanklaster von der Molkerei. 55 Cent pro Liter, macht bei 80 Litern Milch pro Tag 44 Euro Umsatz. Da bleiben zwei Euro Stundenlohn, nicht gerade viel. Aber Helmut ist Bergbauer aus Überzeugung, weil es "die Vorfahren seit Jahrhunderten machen". Etwa 5000 solcher Höfe gibt es in Südtirol.

Eigentlich müsste jetzt das Heu geerntet werden, aber es regnet. Das Wetter macht nicht nur den Bauern einen Strich durch die Rechnung, sondern auch mir - denn die Kamera mag keinen Regen. Also backen wir Brot. Vinschgauer Fladenbrot. Frauensache. Rosa Weithaler ist 76. Ein Renteneintrittsalter gibt es nicht für Bergbauern. "Bis dass der Tod uns scheidet" ist die Devise.

Vielleicht hat Helmut deshalb keine Frau gefunden, denn freie Wochenenden und Urlaub gibt es nicht auf dem Hof. Oft reicht es noch nicht einmal für den Lebensunterhalt und ein Teil der Familie, meist der Bauer, sucht sich noch einen Nebenjob. Gerade für die Heuernte fehlen Arbeitskräfte. Wird jemand krank oder gibt es einen Todesfall, kommt das ganze System durcheinander und der Fortbestand eines Hofes ist bedroht. Da kommen die freiwilligen Helfer wie Stefanie gerade recht. Auch sie wurde von der Bergbauernhilfe in Bozen vermittelt.

Die meisten kommen, weil sie einfach helfen wollen, aber einige nehmen den Einsatz auch als Chance zur Rückbesinnung", erzählt mir Monika Thaler, Koordinatorin beim VAF (Verein Freiwillige Arbeitseinsätze). Für die einen Selbstfindung, für die anderen Rettung in der Not. Vor zwölf Jahren waren es gerade einmal 40 Freiwillige. Mittlerweile sind es mehr als 1000 pro Jahr - das macht zusammen rund 14.000 Arbeitstage. 68 Prozent der Helfer sind aus Deutschland: Studenten, Angestellte, Unternehmer, Rentner.

Der VFA wurde 1997 gegründet, um in Not geratenen Bergbauernfamilien zu helfen. Gründer und Träger bis heute ist der Südtiroler Bauernbund, die Caritas, die Lebenshilfe und der Südtiroler Jugendring.
Für einen freiwilligen Einsatz kann sich jeder zwischen 18 und 88 Jahren melden. Die Einsätze dauern in der Regel mindestens eine Woche. Freiwillige können aus mehreren Berghöfen auswählen. An- und Abreise müssen selbst gezahlt werden - ein eigenes Zimmer auf dem Hof und die Verpflegung sind frei.

Drei Tage verbringe ich auf dem Pirchhof, am dritten Tag scheint die Sonne - endlich kann geerntet werden. An den steilen Hängen muss zum Teil sogar mit der Hand gemäht werden. Fünf Millionen Touristen jährlich besuchen Südtirol. Nur wenige wissen, dass sie die schöne Landschaft vor allem den Bergbauern verdanken. Ein Knochenjob - denke ich mir und bewundere den Arbeitseifer von Steffi, die sonst mehr Zeit in geschlossenen Räumen verbringt. Als Leiterin der Personalentwicklung trainiert sie in einem amerikanischen Unternehmen die Führungskräfte.
"Ich arbeite sonst mit dem Kopf und das hier ist Urlaub vom Kopf", sagt Steffi während sie mit dem Rechen das Heu zusammenklaubt. "Für mich ist das Erdung, ich sehe, was mich wirklich glücklich macht". Die gemeinsame Arbeit schweißt zusammen und wer freiwillig hilft, wird schnell ein Teil der Familie. Eine besondere Erfahrung - auch für mich als Reporter.