In Zeiten hoher Spritkosten sind immer mehr Menschen mit dem Fahrrad unterwegs. Indem sie sich durch die Kraft ihrer eigenen Muskeln fortbewegen, tun sie nicht nur etwas für ihre Gesundheit, sondern auch für den Klimaschutz.
Sogar die Deutsche Bahn hat das Rad entdeckt: Ab 2009 wird man bundesweit an 100 Bahnhöfen vom Zug aufs Leihrad umsteigen können. Es sind vor allem die 18- bis 35-Jährigen, die den Service "Call a bike" schon heute etwa in Berlin, Hamburg oder München besonders intensiv nutzen. Zwischen März und Dezember 2007 konnte sich die Bahn in diesem Markt über Zuwachsraten von rund 50 Prozent freuen.

Doch im Vergleich zu unseren Nachbarn in den Niederlanden ist Deutschland nach wie vor ein "Fahrrad-Entwicklungsland". Denn für 40 Prozent aller Holländer ist das "Fiets" sogar das Fortbewegungsmittel Nummer eins. Bei uns dagegen tritt gerade einmal jeder neunte Bundesbürger regelmäßig in die Pedale, so eine aktuelle Umfrage. Dabei spricht sehr viel fürs regelmäßige Radeln.
Doro Wiebe spricht mit Professor Heiner Monheim und Wigand von Sassen vom Projekt "Radlust"
Würde jeder Deutsche nur bei jeder zehnten Autofahrt aufs Rad umsteigen, könnte man damit jährlich drei Millionen Tonnen CO2 einsparen, so das Bundesverkehrsministerium. Das Rad aber komme in der aktuellen Klimadebatte kaum vor, klagt der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club ADFC.
Es gehe nur darum, welche Autos das Klima weniger schädigten, das Fahrrad als Alternative werde viel zu wenig wahrgenommen, so ADFC-Sprecher Karsten Klama: "Bisher wird immer nur von technischen Maßnahmen gesprochen, statt sich um eine wirkliche Verhaltensänderung zu bemühen." So fehlen etwa Prominente, die sich "zum Thema bekennen" und sich als Vorbild selbst aufs Rad schwingen. Ferner müsse man mehr Geld in ein besseres Radwegenetz investieren, fordert der Verein.

Dass sich der Radverkehr in Deutschland in den kommenden Jahren auch ohne große Investitionen in die Infrastruktur verdoppeln oder sogar verdreifachen lässt, glaubt dagegen Prof. Heiner Monheim. Der Mitgründer des ADFC initiierte im Fachbereich Geographie an der Universität Trier das Projekt "Radlust" und will mit seinen Studenten eine bundesweite Fahrradkampagne anstoßen.
Man ist mit Ständen auf allen regionalen Fahrradmessen vor Ort, vertreibt Flyer und Broschüren, die aus pragmatischen Gründen fürs Radfahren werben. Dabei vermeidet man das reine "Öko-Image", setzt dagegen ganz bewusst auf Begriffe wie "Freiheit, Ungebundenheit, Grenzenlosigkeit". Das Fahrrad, so Monheim, brauche vor allem "positive Werbung", wie sie die Autoindustrie perfekt inszeniere.
Das Potential für eine andere Fahrradkultur in Deutschland ist groß: In vier von fünf Haushalten steht laut Statistischem Bundesamt mindestens ein Rad. Und jedes Jahr kommen mehr dazu. Längst hat sich der Markt völlig unterschiedlich entwickelt. Neben Rädern vom Discounter, die 200 bis 300 Euro kosten, sind viele Konsumenten bereit, 1000 bis 2000 Euro auszugeben für ein Hightech- oder Liegerad.

Besonders gern gekauft werden nach Branchen-Angaben zur Zeit Trekkingräder, Mountainbikes und E- Bikes, die mit Unterstützung eines Elektromotors bewegt werden. "Die Zielgruppe für E-Bikes wird immer jünger", sagt Gunnar Fehlau vom Pressedienst Fahrrad. "Viele Käufer fahren am Wochenende Rennrad, in der Woche aber im Anzug mit dem E-Bike zur Arbeit, ohne zu schwitzen." Ein in wenigen Stunden aufgeladener Akku bringe den Radler bis zu 60 Kilometer weit. Während ein reines E-Bike wie ein Moped per Elektromotor angetrieben wird, sind so genannte "Pedelecs" auf die aktive Unterstützung per Pedal angewiesen.

Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) ist einer von denen, die sich fürs Rad stark machen. "Ganz wichtig" seien neben Radwegen mit einer guten Beschilderung spezielle Fahrrad-Abstellanlagen bei U- und S-Bahnhöfen, um Berufstätigen und Studenten die Nutzung von Park-and-Ride-Systemen zu ermöglichen.
Auch Fahrerlaubnisse gegen die Fahrtrichtung in Einbahnstraßen hätten sich bewährt, sagte Ude, nach eigenem Bekunden selbst "begeisterter Stadtradler". Er erkundet am liebsten "unbekannte Gegenden mit dem Fahrrad", so Ude. Und bei schönem Wetter gebe es "gar keine angenehmere Form der Fortbewegung" als das Fahrradfahren, das viele Vorteile biete: "Man bewegt sich kostenlos fort, tut ganz nebenbei etwas für die Gesundheit und kann die Stadt mit allen Sinnen genießen."