Für manchen mag ein Klang nur ein Klang sein, eine Stimme nur eine Stimme. Nicht für Christine Söffing: Die Ulmer Diplompädagogin und Künstlerin sieht beim Ertönen von Musik, Geräuschen und Stimmen auch Farben. Christine Söffing ist Synästhetikerin und gehört zu den wenigen Menschen, die diese Fähigkeit haben.

Wenn das Telefon klingelt, sieht sie rot. Wenn sie eine Zeitung zerknüllt, um den Kachelofen einzuheizen, ist ihr Bild der Umgebung um einen orangenen Farbton bereichert, die Kaffeemühle macht ihre Welt grün - die Neu-Ulmerin Christine Söffing ist sogenannte "Synästhetikerin". Sie nimmt zu Klängen und Geräuschen Farben wahr. "Es kommt darauf an, wie tief- oder hochfrequent diese Geräusche sind. Das heißt, Kaffeemühlen klingen nicht alle gleich."
Dass sie Synästhetikerin ist, hat die 1964 Geborene erst mit 19 Jahren erfahren. Damals spielte ihr eine Freundin vor einer Aufnahmeprüfung jeden Tag mehrmals das gleiche Musikstück auf einer Flöte vor - und Christine Söffing merkte stets schnell, wenn sie Fehler machte. Denn sie nahm dann andere Farben wahr. Ihre Freundin forschte nach, was dahinter stecken könnte - und stieß auf das Phänomen Synästhesie.

Wissenschaftlern ist die Synästhesie schon länger bekannt als Kopplung zweier physisch getrennter Formen der Wahrnehmung, indem ein Sinnesorgan durch einen von einem anderen Sinnesorgan wahrgenommenen Reiz mit angeregt wird. So können Neurologen beobachten, wie im Gehirn verschiedene Regionen gemeinsam auf einen Reiz reagieren.
Professor Hinderk Emrich, emeritierter Psychater und Neurobiologie in Hannover, sieht in der Synästhesie nicht nur einen Glücksfall für die Wissenschaft, weil man an Synästhetikern dank moderner Diagnosemethoden wichtige Erkenntnisse zur Informationsverarbeitung im Gehirn gewinnen kann. Emrich bezeichnet Synästhesie als besondere Form bei der Darstellung von Denkinhalten in der Großhirnrinde. Synästhesie ist in sofern für ihn ein Lebensweg, der erhöhte Kreativität, geistige innere Absicherung und eine innere Stabilität ermöglicht.

Wie viele Menschen Synästhetiker sind, ist nicht bekannt. Schätzungen gehen davon aus, dass es einer von 500 oder 1000 Menschen sein könnte. Formen der Synästhesie gibt es viele: Manche können Buchstaben fühlen oder Worten schmecken. Die Farbsynästhesie, wie sie Christine Söffing hat, gilt allerdings als die häufigste Form. Außerdem sind Synästhetiker oft künstlerisch tätig. So galt der Musiker Jimmy Hendrix ebenso als Synästhetiker wie Wasily Kandinsky.
Christine Söffing studierte unter anderem Kunstgeschichte und arbeitet heute als Künstlerin: "Nachdem ich festgestellt habe, dass ich Synästhetikerin bin, war ich war ziemlich verunsichert, ob das auch andere Bereiche im Leben", erinnert sie sich. "Und ich wusste lange Zeit überhaupt nicht, wie ich mich ausdrücken soll, um mich verständlich zu machen. Das hat auch ein Einsamkeitsgefühl hervorgerufen. Durch die Kunst wurde das abgemildert, denn in der Kunst kann ich anders sein."

Allerdings sind ihr auch die Ausdrucksmöglichkeiten der Kunst nicht genug: "Es ist halt enttäuschend, dass die Farben nicht so zu mischen sind, wie ich sie sehe", erläutert Christine Söffing. "Die synästhetische Wahrnehmung ist durchaus farbenfroher als die Realität."