Schwarze Baskenmütze, schneeweißes Haar, Sandalen - das sind die Markenzeichen von Ernesto Cardenal. Der 83-jährige Nicaraguaner ist zugleich Poet, Politiker, Revolutionär und Theologe. Noch heute kämpft er für die Rechte der Armen.
Am 20. Januar 1925 wurde Ernesto Cardenal als Sohn einer reichen Familie in Granada/Nicaragua geboren. Er studierte in Mexico und New York Literatur und engagierte sich danach kulturpolitisch für seine Heimat Nicaragua.

1954 beteiligte er sich an der "April-Revolution" gegen den Somoza-Clan, die korrupten Machthaber Nicaraguas. Der Umsturzversuch scheiterte jedoch und viele Freunde Cardenals verloren dabei ihr Leben.
1957 trat er als Novize in das Trappistenkloster Gethsemany (USA) ein. Nach zwei Jahren verließ er das Kloster und studierte von 1961 bis 1965 Theologie in Mexiko und Kolumbien. In dieser Zeit schrieb Cardenal die "Psalmen", in denen er die Entmenschlichung der Gesellschaft anklagt. Sie zählen bis heute zu seinen bedeutendsten Werken und gelten als poetische Grundlage der "Theologie der Befreiung". 1980 erhielt Ernesto Cardenal den Friedenspreis des deutschen Buchandels.
Cardenal ist neben Leonardo Boff und Dom Hélder Câmara ein prominenter Vertreter der Befreiungstheologie. Diese versteht sich als die "Stimme der Armen" und kämpft gegen Ausbeutung und Unterdrückung. Der Vatikan steht dieser Bewegung sehr kritisch gegenüber: zu viel Politik, Marxismus und Revolution. Deswegen wurden neben Cardenal auch zahlreiche andere Befreiungstheologen von ihren kirchlichen Ämtern suspendiert.
Im Alter von 40 Jahren wurde Ernesto Cardenal zum Priester geweiht. Kurz darauf gründete er auf der Inselgruppe Solentiname im Großen See von Nicaragua eine christliche Kommune. Die klosterähnliche Gemeinschaft wurde als Ort der Besinnung und der Solidarität mit den Armen weltbekannt, unter anderem durch Cardenals viel beachtetes Buch "Das Evangelium der Bauern von Solentiname".

Die sich verschärfende politische Situation zwang Cardenal 1977 ins Exil, doch er arbeitete weiter mit den Sandinisten am Sturz des Somoza-Regimes. 1979 wurde er Kulturminister der neuen sandinistischen Regierung Nicaraguas - bis dieses Amt 1987 aus Kostengründen abgeschafft wurde. Der Vatikan suspendierte ihn wegen seiner politischen Tätigkeit 1985 vom Priesteramt.
1994 wandte sich Cardenal von der Sandinistischen Befreiungsfront (FSLN) ab, um gegen den autoritären Führungsstil des nicaraguanischen Präsidenten Daniel Ortega zu protestieren. Cardenal gehört zu den Mitgründern einer neuen Partei, die mehr innerparteiliche Demokratie fordert.