Rentner Wolfgang Wurl lebt im Rollbergkiez in Berlin Neukölln. 80 Prozent der Bewohner hier sind Migranten. Der ehemalige Metzger sah die Probleme im Kiez und wollte helfen. Gemeinsam mit anderen gründete er das "Netzwerk Schülerhilfe", das kostenlos Kindern Nachhilfe erteilt.
Vor zehn Jahren zog Metzgermeister Wolfgang Wurl aus Ostberlin ins Rollbergviertel. Der Weg zur Arbeit war dadurch kürzer. Schnell lebte er sich ein und engagierte sich für die Kinder. Jemand müsse es ja schließlich tun, von Seiten der Politik könne man keine Förderung erwarten, also blieb nur die Selbsthilfe.
Seit vier Jahren ist Wurl in Rente, doch er arbeitet fast ununterbrochen, um Geld für die Schülerhilfe im Rollbergviertel zu verdienen. Heute kocht er 80 Portionen Gulasch. Bei der Menge kommt in der kleinen Küche schon mal Hektik auf: "Man macht das ja nicht, weil man muss, sondern man macht das, weil man will. Dabei hat man immer die Schülerhilfe im Kopf. Die Spende, die sie hier fürs Essen geben, ist immer für die Schülerhilfe", sagt er.
Während Wolfgang Wurl kocht, um den Nachhilfeunterricht zu finanzieren, beginnt in der nahegelegenen Grundschule die Hofpause. Gut 80 Prozent der Kinder aus dem Rollbergviertel, der ärmsten Gegend Berlins, haben einen Migrationshintergrund. Deutsch bereitet vielen Schwierigkeiten, weil zu Hause meist nur die Muttersprache gesprochen wird.

Es ist 12 Uhr, Wolfgang Wurl ist nun richtig im Stress. Das Gemeinschaftshaus ist voll. 3,50 EUR kostet das Menü, da bleibt als Gewinn nicht viel übrig, doch jeder Cent hilft den Kindern. "Es gibt Leute, die haben wenig Geld. Die Schülerhilfe machen wir deshalb umsonst, damit auch eine breite Masse erreicht werden kann, auch die Leute, wo man sagen kann, die können sich das nicht leisten," erklärt Wurl.

80 Kindern erhalten inzwischen beim "Netzwerk Schülerhilfe" kostenlos Nachhilfe. Treffpunkt ist immer das Büro des Leiters. Er stellt sicher, dass die Kinder pünktlich sind, und wenn nicht, telefoniert er hinterher, damit die ehrenamtlichen Helfer nicht umsonst kommen.
Emre ist 13 Jahre alt und seit einem Jahr in der Schülerhilfe. Deutsch lesen und schreiben fällt ihm schwer. Aber seitdem er hier ist, haben sich seine Zensuren verbessert. Er selbst meint: "Wenn ich nicht lerne, dann wird aus mir nichts. Ich möchte aber nicht auf der Straße leben. Ich möchte eine Ausbildung machen und dann möchte ich arbeiten." Dass Emre immer flüssiger Deutsch spricht, freut auch die ehrenamtliche Schülerhelferin Susanne Schröder. Jede Unterrichtsstunde ist für sie ein kleines Erfolgserlebnis: "Es ist auf jeden Fall eine Tätigkeit, bei der die Sinnfrage ganz klar mit Ja zu beantworten ist. Und das gefällt mir sehr gut," sagt sie.

Die Räume werden kostenlos zur Verfügung gestellt. Aber die Hauptamtlichen müssen durch Spenden finanziert werden. Fast täglich kommen neue Kinder zur Schülerhilfe. Es ist kaum zu schaffen, noch mehr Schüler und Helfer zu koordinieren. "Das Engagement der Berliner Zivilgesellschaft in diesem Projekt mitzuarbeiten, ist enorm groß. Der Flaschenhals ist wie immer die Organisation und die Nachhaltigkeit der Finanzierung. Ohne Organisation - kein Projekt. Und ich glaube, das ist eine der Lehren dieses Projektes: Ehrenamt ist nie kostenlos," meint Gilles Duhem, der Leiter des Schülerhilfebüros.
Zumindest das organisatorische Drumherum muss finanziert werden. Und damit das funktioniert, muss man sich ständig etwas Neues einfallen lassen. So findet zum Beispiel jeden Monat ein Stummfilmabend mit Klavierbegleitung statt. Am Ende bleiben dann wieder ein paar Euro für die Schülerhilfe übrig. "Es sind keine Millionen, aber diese kleinen Beträge helfen uns immer, die Schülerhilfe weiter zu machen. Vor allem aber motivieren sie uns", meint Wolfgang Wurl.
Um Hilfsprojekte am Leben zu halten, reicht Engagement allein nicht aus. Ein Projekt wie die Schülerhilfe lebt von vielen Ideen.