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23. Februar 2012
 

sonntags

 
sonntags, 9.02 Uhr
Mutter malt mit Tochter. Quelle: mev
Etwas selbst zu schaffen, macht nicht nur Kindern Spaß.

Schwerpunkt

Sägen und Schweißen für die Seele

Warum Selbermachen das Wohlbefinden steigert

Die Deutschen haben den Spaß an Kreativität wieder für sich entdeckt - es wird gebaut, genäht und gestrickt wie schon lange nicht mehr. Woher kommt aber die Begeisterung für Do-it-youself und was steckt dahinter?

 
 
 
 

Mehrmals pro Woche streift Christoph Wieland durch die Gänge des Baumarkts. Der Stuttgarter Elektroingenieur ist nicht nur auf der Suche nach geeigneten Materialien: "Was mir Spaß macht, ist, dass man sich im Baumarkt Ideen holen kann". Um diese Ideen dann zu verwirklichen, verbringt er dann Abend für Abend zuhause in seiner Werkstatt im Keller.

Markus Wieland im Baumarkt. Quelle: ZDF
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Christoph Wieland im Baumarkt

Im Moment werkelt er an einem Regal aus Akazienholz. Sägen, leimen, hämmern - für Wieland geht es beim Heimwerkeln weniger ums Geldsparen. "Es ist vor allem der Höhlenbautrieb. Männer wollen nach wie vor für ihre Familie einen Schutz, eine Höhle selbst bauen."

Zuversicht aus dem Hobbykeller

Mit seiner Leidenschaft fürs Heimwerkeln ist Wieland nicht allein. Deutschland ist ein Land von Selbermachern geworden. Seit 1982 ist die Zahl der Baumärkte in Deutschland von 720 auf 2400 gestiegen. Durchschnittlich 220 Euro gibt der Deutsche dort jährlich aus. Selbst im Krisenjahr 2009 wurde in Baumärkten nicht gespart.

 

Gerade in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten wird gern in die Verschönerung der eigenen vier Wände investiert. Cocooning nennen Marketingexperten den Rückzug ins Häusliche. Dem Konsumforscher Stephan Grünewald zufolge profitieren gerade Baumärkte von Krisenzeiten, indem sie mit ihren Werbekampagnen gerade das aktive Anpacken und die Zuversicht propagieren: "Im Hobbykeller entwickelt sich eine Selbstgewissheit, die den Menschen gerade in Krisenzeiten eine ungeheuere Stabilität verleihen kann", so Grünewald.

Dagmar Bily, Chefredakteurin von Burda Style. Quelle: ZDF
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Dagmar Bily, Chefredakteurin von Burda Style

Selbermachen als Grundbedürfnis

Die neue Lust am Selbermachen ist auch in Zeiten ohne wirtschaftliche Krise deutlich erkennbar. So verzeichnen derzeit Zeitschriften mit Schnittmustern aus dem Hause Burda wieder steigende Auflagen. Und das, nachdem Nähen und Stricken jahrzehntelang völlig out war. Die Macher wissen, dass der aktuelle Trend wenig mit Sparsamkeit zu tun hat. "Der Grund ist sicherlich, dass modisch interessierte Frauen heutzutage ihren eigenen Stil wollen und nicht aussehen möchten wie zehn andere auf einer Party. Und was ein ganz wichtiger Aspekt ist: Sie wollen etwas mit ihren Händen schaffen ", sagt Dagmar Bily, Chefredakteurin von Burda Style.

 

Hinter dem Do-it-yourself-Trend steckt mehr als der Wunsch nach Individualität. Für den Neurobiologe Gerald Hüther ist das Selbermachen Ausdruck eines Grundbedürfnisses des Menschen von Kindheit an: "Es gibt kein stärkeres Bedürfnis der Menschen, als das, dass sie sich als selbstwirksam erfahren wollen", sagt Hüther in einem Interview mit dem Focus. Bleibt das Gefühl aber aus, im Beruf oder durch gesellschaftliches Engagement etwas bewirken zu können, erfolgt der Rückzug ins Private. So wird das Selbermachen zum Ausdruck von Machtlosigkeit und zu einer Art stiller Protest. "Dieses Grundbedürfnis des Menschen kann man nicht ewig unterdrücken. Wenn es sich im politischen oder gesellschaftlichen Rahmen nicht stillen lässt, dann sucht es sich seine privaten Möglichkeiten."

 
Handwerkeln in der HEI, dem Haus der Eigenarbeit in München. Quelle: ZDF
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Handwerkeln in der HEI, dem Haus der Eigenarbeit in München

Basteln für mehr Wohlbefinden

Ein idealer Ort, um die Bastellust auszuleben, ist das HEI, das Haus der Eigenarbeit in München. Rundherum wird hier geschweißt, gesägt und geschliffen. Denn im HEI stehen Geräte für handwerkliche Aufgaben vom Schreinern bis zum Schmuckdesign, vom Metallbau bis zur Polsterei. Jeder Laie darf sie benutzen - auf Wunsch mit Unterstützung von Fachberatern. Leiterin Elisabeth Redler weiß, was die Menschen im HEI suchen: "Der eine will was Schönes herstellen für sich persönlich. Der andere sucht hier etwas für die Seele."

 

Basteln bietet eine Erfahrung, die unter die Haut geht. "Wenn man mit den Händen arbeitet, wird das Denken, Handeln und Fühlen wieder eins", sagt Hirnforscher Gerald Hüther. So wird die Schaffensfreude zum Gegengewicht in einer Welt arbeitsteiliger Prozesse ohne sinnliche Erlebnisse - und ein entscheidendes Vehikel für unser seelisches Wohlbefinden.

 
 
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