Der Hauptgrund für Heimunterbringungen in Deutschland sind massive Defizite der Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder. "Frech und faul", klagen die Lehrer. Schon die Jüngsten tanzten ihnen auf der Nase herum. Dabei seien die Eltern doch für die Grundtugenden zuständig.
Bei fast der Hälfte der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die in ein Heim oder in eine "betreute Wohnung" kamen, gaben die Jugendämter "eingeschränkte Erziehungskompetenz" der Eltern als Grund an. Gut jeden dritten Jugendlichen finden die Behörden verhaltensauffällig. Und auch in den Betrieben machen die jungen Leute keinen guten Eindruck: Nach einer Umfrage der Industrie- und Handelskammer sind die Jugendlichen weder belastbar, noch diszipliniert genug, um überhaupt ausgebildet zu werden. Und über gute Manieren verfügen sie auch nicht.

"Eltern haben nichts, worauf sie sich berufen können", sagt dazu der Pädagoge Dieter Scholz. Seit fast zehn Jahren arbeitet er als Familienberater, berät in Einzelfällen und leitet Erziehungskurse, die der Deutsche Kinderschutzbund ratsuchenden Eltern anbietet. Scholz hat die Erfahrung gemacht, dass die Eltern verunsichert sind.
Das liege daran, meint er, dass sich die Erziehung von Kindern im Laufe der letzten Jahrzehnte stark verändert habe: "Früher hieß es: Man tut das nicht, man geht um acht ins Bett, man gibt keine Widerworte," argumentiert Scholz. "Das war überall so, das haben alle Kinder geglaubt und daran haben sie sich meistens auch gehalten. Sagen Sie das heute mal einem Kind!" Die Welt habe sich verändert, sei viel komplizierter geworden. Und jeder müsse für sich seinen Weg in der Erziehungsfrage finden.

"Erziehungsratgeber helfen da gar nichts", klagt Nicolle Golijani. Die 31jährige Mutter von drei Söhnen hat viele dieser Bücher gelesen. Aber die Probleme, die sie mit ihrem ältesten Sohn hatte, dem mittlerweile siebenjährigen Marlon, hörten trotzdem nicht auf: "Er putzte nicht die Zähne, wenn er sollte, trödelte herum, abends wollte er nicht ins Bett, morgens zog er sich nicht an. Und er bekam Wutanfälle, wenn ihm etwas nicht passte", erzählt Nicolle von den Schwierigkeiten, die sie miteinander hatten. "Wir versuchten alles mögliche," sagt auch ihr Mann Surena. "Die letzte Konsequenz wäre nur noch Schlagen gewesen. Aber das wollten wir nicht."
Als sie ihre Probleme schließlich unerträglich fanden, besuchten sie den Kurs "Starke Eltern - starke Kinder" beim Deutschen Kinderschutzbund. Diese Kurse werden bundesweit angeboten und sollen interessierten Eltern vermitteln, wie sie die Konflikte mit ihren Kindern meistern können. "Dabei geht es aber nicht um Erziehungsmethoden", sagt Scholz. Jedes Kind sei anders, es gebe keine Gebrauchsanweisung für Kinder. Wichtig sei aber, dass Eltern lernen, ihren Kindern zuzuhören, auf sie einzugehen und ihnen dadurch zu vermitteln, wie sie sich verhalten sollen. "Es geht um eine anleitende Erziehung, darum, ein Vorbild zu sein", erklärt Scholz.

Dass das tatsächlich funktioniert, erlebt auch die 27-jährige Andrea aus Heidenheim an der Brenz. Sie ist alleinerziehend, ihre beiden Söhne sind ein und vier Jahre alt. Vor allem ihr ältester Sohn Leon war sehr aufbrausend. Weil sie immer schlechter mit den Kindern zurechtkam, entschied auch sie sich, an einem Erziehungskurs beim Kinderschutzbund teilzunehmen. Dort lernte sie: Zuhören, den eigenen Standpunkt klarmachen und Konflikte austragen.

Das war eine völlig neue Erfahrung für sie: "Ich habe hier Sachen gelernt, von denen habe ich vorher nie gehört," erzählt sie begeistert. So hat sie gelernt, dass es gar nichts bringt, bei Streitereien mit dem Kind laut zu werden. "Heute behalte ich die Ruhe, schreie ihn nicht an, frage ihn ganz ruhig, was er denn hat. Ich renne bei seinen Wutanfällen auch nicht mehr hinter ihm her, ich lasse ihm Zeit, sich zu beruhigen, gehe auf ihn ein."
Andrea hat die Erfahrung gemacht, dass seitdem alles besser läuft. Leon ist plötzlich viel kooperativer. "Er hält sich an unsere Regeln und macht auch Vorschläge, was wir alle besser machen könnten." Vor allem eine Erkenntnis hat ihr viel Selbstvertrauen gegeben: "Alle haben dieselben Probleme." Früher habe sie immer gedacht, sie allein kriege das mit ihren Kindern nicht hin. Sie habe sich selbst unter Druck gesetzt, geglaubt, sie sei eine schlechte Mutter und unfähig, ihre Kinder zu erziehen.
Und das findet Dieter Scholz am wichtigsten an diesen Kursen: Eltern sollen vor allem lernen, dass sie alle Fähigkeiten haben, die sie brauchen, um ihre Kinder gut zu erziehen. Er will den Druck "Erziehungsversager" zu sein, von ihnen nehmen. Es sei doch auch gar nicht so kompliziert, lacht Scholz: "Kinder lernen Respekt vor allem dadurch, dass sie selbst respektvoll behandelt werden."